Apostelgeschichte 16

Paulus besucht die kleinasiatischen Gemeinden. Das Gesicht des heil. Paulus in Troas. (V. 10) Paulus zu Philippi.

Er kam aber nach Derbe und Lystra. Und siehe, da war ein Jünger mit Namen Timotheus, der Sohn einer gläubigen jüdischen Frau und eines heidnischen Vaters. Timotheus war der Sohn eines heidnischen Vaters, aber einer judenchristlichen Mutter, die ihn von Jugend auf zur Gottesfurcht erzogen hatte. [2Tim 1,5, 2Tim 2,14.15] Solche Ehen waren zwar im Gesetze untersagt [Esra 10,2], wurden aber in der Fremde leicht entschuldigt. Vergl. [Apg 24,24] Timotheus war von Paulus auf der ersten Missionsreise bekehrt und hatte sich, obwohl nicht viel über 20 Jahre alt, bereits bei den Brüdern in Lystra und Ikonium einen sehr guten Ruf erworben. Sein Verhalten in der Folge rechtfertigte die Hoffnungen vollkommen, die Paulus auf ihn setzte. Vergl. [Phil 2,20ff, 1Kor 4,17, 1Kor 16,10] - Diesem gaben die Brüder, die zu Lystra und Ikonium wohnten, gutes Zeugnis. Ihn wünschte Paulus als Begleiter auf der Reise. Er nahm ihn also, und ließ ihn beschneiden der Juden wegen, welche an jenem Orte waren; denn alle wussten, dass sein Vater ein Heide war. Einen Jüngling von solcher Abstammung bei sich zu haben, war für den heil. Paulus eine Hilfe nach beiden Seiten, da ihn Heiden und Juden als den ihrigen betrachten konnten. Da aber der Apostel die Gewohnheit hatte, sich zuerst an die Juden zu wenden, so hätte er seinem Wirken Eintrag getan, wenn Timotheus unbeschnitten geblieben wäre, da die Religion der Mutter die jüdische war, und die noch unbekehrten Juden mit dem unbeschnittenem Sohne einer Jüdin nicht hätten verkehren wollen. Es war eine Maßregel der Klugheit, um die Juden nicht abzustoßen, hatte aber keineswegs die Bedeutung, als ob Timotheus ohne Beschneidung kein vollgültiger Christ sei, am wenigsten bei Paulus, welcher der strengste Gegner einer solchen Ansicht war, und welcher gerade jetzt die bezüglichen Entscheidungen des Apostelkonzils verkündete (V. 4). Doch scheint von einigen judaisirenden Christen diese Beschneidung ausgenützt worden zu sein, als ob Paulus selbst diese Zeremonie für notwendig erachte. Darum beruft er sich [Gal 2,3] mit solchem Nachdrucke darauf, dass Titus zu Jerusalem nicht zur Beschneidung gezwungen worden sei, auch nicht von den Säulen, Petrus, Jakobus und Johannes. - Wie sie nun von Stadt zu Stadt zogen, übergaben sie denselben die Beschlüsse, welche von den Aposteln und Vorstehern in Jerusalem festgesetzt worden waren, Wenngleich die Vorschriften des Konzils zunächst für Antiochia, Syrien und Cilicien erlassen waren, wendet Paulus sie dennoch auch hier an und mit recht, da sie auf einem allgemeinen Grundsatze fußten: Heiden können ohne mosaisches Gesetz Christen werden, sollen sich aber um des Friedens willen von einigen Stücken enthalten. - zur Beobachtung, Und so wurden die Kirchen im Glauben gestärkt, und nahmen täglich an Zahl zu. Als sie aber Phrygien und das Gebiet von Galatien Galatien war der Wohnsitz einer keltischen, aus Gallien eingewanderten Bevölkerung. - durchzogen, ward ihnen vom Heiligen Geiste gewehrt, das Wort Gottes in Asien Die westliche Küstenlandschaft von Kleinasien mit der Hauptstadt Ephesus. - zu verkünden. Und da sie nach Mysien An der Grenze Mysiens hin. Nach dem Griech.: Gegen Mysien. - kamen, versuchten sie nach Bithynien zu gehen; aber der Geist Jesu ließ sie nicht. Nachdem sie nun an Mysien vorübergezogen waren, gingen sie hinab nach Troas. Die Stadt Troas war ein Seehafen jetzt Erki-Stambul (Alt-Konstantinopel) genannt. So hatte der Heil. Geist den heil. Paulus von der Südostspitze von Kleinasien bis zum nordwestlichen Punkte des Landes geführt. Wie oft mag der Apostel den Heil. Geist angefleht haben, seine Schritte zu lenken! - Da hatte Paulus in der Nacht ein Gesicht: Ein Macedonier stand vor ihm, bat ihn, und sprach: Ziehe hinüber nach Macedonien, Macedonien umschloss als römische Provinz, außer dem eigentlichen Macedonien, auch Illyrien, Epirus und Thessalien. Im Traumgesicht (Chrys., Oekum.) hört Paulus den Hilferuf des gebildeten Griechenlands. Das Licht des Evangeliums soll nach Westen getragen werden. - und hilf uns! Sogleich nach dieser Erscheinung suchten wir „Wir“, also auch der Verfasser der Apostelgeschichte ist jetzt in Begleitung des heil. Paulus. Der „vielgeliebte Arzt“ [Kol 4,14] war auch selbst ein Prediger des Evangeliums. - nach Macedonien zu reisen, überzeugt, dass uns Gott berufen habe, ihnen das Evangelium zu verkünden. Von Troas absegelnd, kamen wir geraden Laufes Ohne ein Hindernis und ohne Umweg. - nach Samothrace, Samothrace ist eine Insel im ägäischen Meere, in der Mitte zwischen dem asiatischen und dem europäischen Festlande. - und am folgenden Tage nach Neapolis, Neapolis, jetzt Kawala, Hafenstadt am strymonischen Meerbusen. In umgekehrter Richtung nahm die Reise von Philippi nach Troas später fünf Tage in Anspruch. [Apg 20,6] In Neapolis betrat Paulus zum ersten Mal den Boden von Europa, indes begann seine Missionstätigkeit nicht hier, sondern in dem etwa 12 – 13 Kilometer entfernten Philippi. Da dort eine von Augustus angelegte Militärkolonie war, kam Paulus daselbst in unmittelbare Beziehung zu den Römern. (Vergl. V. 21) - und von da nach Philippi, welches die angesehenste Pflanzstadt dieses Teiles von Macedonien ist. Wir waren in dieser Stadt einige Tage, und hielten Unterredungen. Am Sabbat aber gingen wir zum Stadttore hinaus an einen Fluss, wo ein Betort zu sein schien; Griech.: Wo herkömmlicher Weise ein Betort war, eine umwallte oder nicht umschlossene Stelle am Ufer unter freiem Himmel. Die Juden pflegten an Orten, wo sie keine Synagogen hatten, sich ein Stück Land in der Nähe eines Flusses zur Abhaltung ihrer Gebete und Waschungen zu kaufen (Tert.). Da nur einige Frauen, keine Männer, zu Philippi diese Stätte besuchten, war die Zahl der Juden wohl sehr klein und diese Frauen an Heiden verheiratete Jüdinnen oder Proselytinnen des Judentumes. - wir setzten uns, und redeten zu den Frauen, welche dort versammelt waren. Eine Frau, mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, welche Gott fürchtete, hörte zu; und der Herr öffnete ihr das Herz, dass sie auf das merkte, was von Paulus gesagt wurde. Lydia scheint ihr Geschäft selbständig betrieben zu haben, da ihr Mann nicht erwähnt wird. Sie war gottesfürchtig, d. i. jüdische Proselytin, und sehr wohlhabend, wie ihr Geschäft und ihre Gastfreundschaft zeigen. Die Gnade erleuchtete ihren Verstand und bewegte ihren Willen, und sie wirkte mit derselben mit (Chrys.). So wurde sie die erste Bekehrte des heil. Paulus in Philippi und in Europa überhaupt. - Als sie nun samt ihrem Hause getauft worden war, bat sie uns, und sprach: Wenn ihr mir Treue gegen den Herrn zutrauet, so kommet in mein Haus, und bleibet daselbst. Eigentlich: da ihr geurteilt habt, ich sei eine Gläubige (sonst hättet ihr mich nicht getauft), so würdiget euch usw. Bescheiden sagt sie: wenn ihr geurteilt habt. - Und sie nötigte uns. Es begab sich aber, als wir zu dem Betorte gingen, kam uns eine Magd entgegen, die einen Wahrsagergeist Einen Drachen Python sollte Apollo bei Delphi erlegt haben. Nach demselben nannten die Alten einen Wahrsagegeist aus dem Innern Python. Die Magd war besessen. (Cyr. v. Jer., Chrys.) Ob der Teufel sich durch sein Wissen in Ansehen setzen wollte? (Oekum.) - hatte, und ihrer Herrschaft mit Wahrsagen großen Gewinn verschaffte. Diese ging hinter Paulus und uns her und rief: Diese Menschen sind Diener des Allerhöchsten, Gottes, die euch den Weg des Heiles verkünden. Dieses tat sie viele Tage lang. Ungehalten aber darüber wandte sich Paulus um, und sprach zu dem Geiste: Ich befehle dir im Namen Jesu Christi, von ihr auszufahren! Und zu derselben Stunde fuhr er aus. Da nun ihre Herren sahen, dass die Hoffnung ihres Gewinnes ausgefahren war, ergriffen sie den Paulus und Silas, und führten sie auf den Markt vor die Obrigkeit; Die Obrigkeit führte den Titel von Prätoren, griech. Befehlshaber. - und indem sie dieselben der Obrigkeit vorstellten, sprachen sie: Diese Menschen bringen unsere Stadt in Verwirrung; sie sind Juden, und verkündigen eine Lebensweise, die wir nicht annehmen noch üben dürfen, da wir Römer sind. Die Römer (zu denen die Philipper sich als Kolonie rechneten) durften keine Religion annehmen, welche nicht von Staatswegen als zulässig erklärt war. - Da erhob sich das Volk wider sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herabreißen, und sie mit Ruten schlagen. Bei der Geißelung wurde wenigstens der Oberkörper entblößt. Die Art der Geißelung war die römische. Vergl. über diese Geißelung auch [1Thes 2,1ff]. (Dieselbe und zwei andere werden [2Kor 11,25] erwähnt.) - Und nachdem sie ihnen viele Schläge gegeben hatten, warfen sie dieselben in's Gefängnis, und befahlen dem Kerkermeister, sie sorgfältig zu verwahren. Da dieser solchen Befehl erhalten hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis, und schloss ihre Füße in den Block. Ähnlich [Jer 20,2]. Oft wurden auch Haupt und Hände in den Block gelegt. - Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas, und lobten Gott; und die Gefangenen hörten ihnen zu. Da entstand plötzlich ein starkes Erdbeben, so dass der Kerker bis auf den Grund erschüttert wurde. Und alsbald öffneten sich alle Türen, und die Bande aller wurden gelöst. Der Herr gibt seinen Zeugen Zeugnis. Nur so lange und so weites der Herr zur Mehrung der Verdienste seiner Auserwählten und zur Offenbarung ihrer inneren Heiligkeit gestattet, leiden dieselben. Wie der Tod des Herrn den Tod getötet, so lösen die Bande der Apostel den Kerker und die Ketten der Gefesselten (Chrys.). Das Wunder hält indes selbst die Fessellosen von der Flucht zurück (V. 28). - Als aber der Kerkermeister erwachte, und die Türen des Gefängnisses offen sah, zog er das Schwert, und wollte sich töten, denn er glaubte, die Gefangenen seien entflohen. Paulus aber rief mit lauter Stimme, und sprach: Tue dir kein Leid; denn wir sind alle hier! Wenn es auch im inneren Kerker dunkel war, konnte Paulus doch sehen, was der Kerkermeister vor demselben tat, oder wenigstens hören, wie derselbe in seiner Aufregung mit lauter Stimme den Vorsatz aussprach, sich selbst zu entleiben. - Da forderte er Licht, und ging hinein; und zitternd fiel er Paulus und Silas zu Füßen, und führte sie hinaus, und sprach: Ihr Herren! was muss ich tun, um selig zu werden? Der Kerkermeister zweifelt nicht, dass hier Gottes Hand eingegriffen hat. Er fragt nicht erst, wie und was geschehen ist, sondern bereits von der Gnade erfasst, fragt er nur, wie er sein Heil wirken könne (Chrys.). Als Verkünder eines solchen Heilsweges war ja Paulus bereits in Philippi bekannt. (Vergl. V. 17) - Sie aber sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, Der Glaube an Jesus Christus schließt den Willen ein, seine Gebote zu halten. - so wirst du selig werden, du und dein Haus. Und sie redeten zu ihm und zu allen, die in seinem Hause waren, das Wort des Herrn. Da nahm er sie in derselben Stunde der Nacht, und wusch ihnen die Striemen ab, und ließ sich sogleich mit seinem ganzen Hause taufen. Und nachdem er sie in sein Haus In die Dienstwohnung, die wohl über den Gefängnisräumen war. - geführt hatte, setzte er ihnen ein Mahl vor; und frohlockte mit seinem ganzen Hause, gläubig geworden an Gott. Wie wunderbar sind die Wege der göttlichen Vorsehung! - Da es nun Tag geworden war, sandten die Stadtobersten ihre Gerichtsdiener, und ließen ihm sagen: Lass diese Menschen frei! Ob nicht das Erdbeben und die durch die Kunde von den wunderbaren Vorgängen erweckte Furcht dazu beitrugen, die Obrigkeit so umzustimmen? Oder, wenn sie keine Kunde davon hatten, waren sie wohl bei ruhiger Überlegung zur Erkenntnis gekommen, dass sie aus Furcht vor dem lärmenden Pöbel vorschnell und willkürlich gegen unbescholtene Männer vorgegangen waren. Paulus und Silas waren nach der Mahlzeit wieder in das Gefängnis zurückgekehrt, um dem Kerkermeister keine Verlegenheit zu bereiten. - Der Kerkermeister aber meldete Paulus diese Worte: Die Stadtobersten haben hergesandt, dass ihr freigelassen werden sollet. So gehet nun hinaus, und ziehet im Frieden. Hätten die Apostel dies getan, so wären sie in den Augen der Philipper als heimlich entflohene Verbrecher erschienen, die Sache des Evangeliums wäre in üblen Ruf gekommen und ihre weitere Tätigkeit in Europa untergraben. - Paulus aber sprach zu ihnen: Öffentlich, unverhört haben sie uns, Die Mehrzahl deutet darauf hin, dass auch Silas das römische Bürgerrecht hatte, oder Paulus fasste der Kürze halber sich und Silas mit der Bezeichnung „römische Bürger“ zusammen. - römische Bürger, geißeln lassen, und ins Gefängnis geworfen, und jetzt wollen sie uns heimlich hinausschaffen? Nicht so, sondern sie sollen kommen, und uns selbst hinausführen. Die Gerichtsdiener berichteten also den Stadtobersten diese Worte, und diese fürchteten sich, da sie hörten, dass es römische Bürger An der Wahrheit der Worte konnten sie nicht zweifeln, da auf falsches Vorgeben dieses rechtes schwere Strafe stand. Die Verletzung eines Römers war ein Verbrechen gegen die Majestät des römischen Volkes. - seien. Und sie kamen, taten Abbitte, führten sie heraus und baten sie, aus der Stadt fortzugehen. Sie entschuldigten sich, baten aber die Apostel, die Stadt zu verlassen, aus Furcht, das Volk möchte sich von neuem gegen sie erheben. Wie es scheint, begleitete Lukas den heil. Paulus nicht, da er nicht, wie [Apg 16,11-16] in der ersten Person redet. Ein Denkmal der Liebe zwischen den Christen von Philippi und ihrem geistlichen Vater bildet der Brief, welchen der heil. Paulus von Rom aus an sie schrieb. Da gingen sie aus dem Gefängnisse und begaben sich in das Haus der Lydia. Und sie besuchten die Brüder, trösteten sie, und reisten ab.

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