Die Rede des heil. Stephanus (V. 53) und sein Tod.
1Der Hohepriester aber sprach: Ist dem also?2 Da sprach er: Ihr Brüder und Väter,Der heil. Stephanus bezeichnet wohl die Richter als Väter, die übrigen als Brüder. - höret! Der Gott der Herrlichkeit erschien unserm Vater Abraham, als er in Mesopotamien war, ehe er in Charan wohnte,Dieser Ausdruck ist mit Bezugnahme auf den äußeren Glanz gewählt, mit dem Gott sich im A. Testamente offenbarte. Durch dies feierliche Wort weist der heil. Stephanus auch die Verleumdung zurück, als lästere er Jahve [Apg 6,11], wie er durch den Ausdruck „Unserm Vater Abraham“ seine Angehörigkeit zu Israels Rechten und Hoffnungen betont. -3 und sprach zu ihm: Gehe hinweg aus deinem Lande und von deiner Verwandtschaft, und komme in ein Land, das ich dir zeigen werde!Es ist dies kein Widerspruch gegen [1Mos 12,1], denn der dort angeführte Befehl ist eben der in Ur (in Chaldäa) an Abraham ergangene. Dadurch wird [1Mos 11,31] näher bestimmt, da es nach dieser Stelle scheinen könnte, als ob der Auszug auf den Willen Tharas zurückzuführen wäre, während Gott denselben veranlasst hatte. [Apg 12,1] ist also eine nachholende Bemerkung. Es ist mithin zu übersetzen: Es hatte Gott zu Abraham gesagt. Zudem passt der ganze Vers nicht auf Charan, denn dort war nicht Abrams Heimat: „Aus dem Hause deines Vaters.“ Thara war bereits gestorben. Vergl. auch [Jos 24,2ff, Ju 5,6ff, 1Mos 15,7]. -4 Da zog er fort aus dem Lande der Chaldäer, und wohnte in Charan.Vergl. [1Mos 11,31]. - Und von da versetzte Gott ihn nach seines Vaters Tode in dieses Land, in welchem ihr jetzt wohnet.5 Und er gab ihm keinen Erbbesitz in demselben, auch nicht einen Fuß breit; sondern verhieß es ihm zum Besitze zu geben und seinen Nachkommen nach ihm, obwohl er noch keinen Sohn hatte.Der heil. Stephanus hebt gewisse Grundzüge der Leitung Gottes hervor. Hoffen wider Hoffen [Roem 4,18] und Gehorsam aus dem Glauben, hier aus dem Glauben an das Wort des Herrn. [Gal 3,6] Gott gab dem Abraham nicht einen Fuß breit als vererbbaren Besitz, die Stelle des Gebens vertrat das Versprechen, und dies zu einer Zeit, wo Abraham noch kinderlos war. [1Mos 12,7, 1Mos 15,18, 1Mos 13,15] So zeigte Gott schon am Beginn der Geschichte des auserwählten Volkes, dass dessen Geschick und Heil sich nicht nach irdischem Ermessen und Wollen gestalten solle, sondern dass Gott alles nach seinem Ratschlusse leiten werde. Da die Anklage besonders betont hatte, Stephanus rede gegen Moses und den Tempel, [Apg 6,11.13.14] so zeigt er, dass die gnädigen Verheißungen und Führungen Gottes längst vor Moses und dem Tempel und unabhängig davon sich zeigten, während die damaligen Juden sich gerade derart an Gesetz und Tempel hielten, als ob allein davon alles abhing. -6 Gott aber sprach zu ihm: Seine Nachkommen werden heimatlos sein in fremdem Lande, und man wird sie dienstbar machen und übel behandeln vierhundert Jahre.Genauer 430 Jahre. [2Mos 12,40] In dem mehr feierlichen Tone der Weissagung wird die runde Zahl genommen. -7 Aber das Volk, dem sie dienstbar sein werden, werde ich richten, sprach der Herr; und darnach werden sie ausziehen, und werden mir an diesem Orte dienen.8 Und er gab ihm den Bund der Beschneidung;[1Mos 17,10, Roem 4,11] Der Herr schloss einen Bund, dessen Zeichen die Beschneidung war. - und so zeugte er den Isaak, und beschnitt ihn am achten Tage; und Isaak den Jakob, und Jakob die zwölf Stammväter.9 Und die Stammväter beneideten den Joseph, und verkauften ihn nach Ägypten; aber Gott war mit ihm,10 und errettete ihn aus allen seinen Drangsalen, und gab ihm Gnade und Weisheit vor Pharao, dem Könige von Ägypten, und setzte ihn zum Vorsteher über Ägypten und über sein ganzes Haus.Hier und im Folgenden zeigt Stephanus, dass Gott seinem erwählten Volke auch im fremden Lande Segen und Schutz angedeihen ließ, die Verheißungen also nicht ausschließlich an das Land Chanaan geknüpft waren. Die Verheißung ging dem Bunde der Beschneidung vorauf. Mit Josephs Schicksale tritt in der Geschichte Israels der Gegensatz zwischen dem Willen des Volkes und Gottes Ratschlüssen ein. So tritt das Volk Moses und den Propheten entgegen, bis es endlich den Urheber des Lebens tötet. -11 Es kam aber eine Hungersnot über ganz Ägypten und Chanaan, und große Drangsal; und unsere Väter fanden keine Nahrung.12 Als aber Jakob hörte, dass in Ägypten Getreide sei, sandte er unsere Väter zum ersten Male hin.13 Und beim zweiten Male ward Joseph von seinen Brüdern erkannt, und seine Herkunft dem Pharao kund.14 Joseph aber sandte hin, und ließ seinen Vater Jakob kommen samt dessen ganzer Verwandtschaft, fünfundsiebzigSo die Septuag., nach welcher Stephanus zitiert. Der hebräische Text und die Vulgata zählen 70 Seelen, welche Zählung vorzuziehen ist. Ein in eine Übersetzung eingeschlichener Fehler fällt selbstverständlich nicht dem heil. Schriftsteller zur Last, der sie anführt. - Seelen.15 Und Jakob zog hinab nach Ägypten, und starb, er und unsere Väter.16 Und sie wurden nach Sichem gebracht,Dies ist nicht auch auf Jakob zu beziehen, der nicht in Sichem, sondern in Hebron begraben wurde. Statt „Abraham“ ist nach [Jos 24,32] Jakob zu lesen. Der heil. Stephanus hat wohl im Eifer der Rede die beiden Namen verwechselt, der heil. Lukas aber seine Worte genau wiedergegeben, ohne dadurch die Verwechslung zu billigen (Beda u. a.). Andere Lösungsversuche sind mehr oder weniger künstlich. „Des Sohnes Sichem“ besser nach dem Griechischen: In Sichem. - und in der Grabstätte beigesetzt, welche Abraham um Geld von den Söhnen Hemors, des Sohnes Sichems, gekauft hatte.17 Als aber die Zeit der VerheißungDie Zeit der Verheißung war die von Gott bestimmte Zeit der Besitznahme des verheißenen Landes. Eben als Ägypten Israel zu knechten versucht, ist die Zeit seiner Befreiung da, und sein Führer, das Vorbild des Erlösers, ihm geboren. (V. 20) Übrigens ist so wenig wie in der Zeit der Patriarchen in der Zeit des Moses die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes an den Tempel geknüpft gewesen. - nahte, die Gott dem Abraham zugesagt hatte, wuchs das Volk und mehrte sich in Ägypten,18 bis ein anderer KönigEin anderer König: ein fremder König. Mit ihm kam ein anderes Haus auf den Königsthron. Vergl. [2Mos 1,10] - in Ägypten aufstand, welcher den Joseph nicht kannte.19 Dieser verfuhr arglistig gegen unser Geschlecht, und drückte unsere Väter, dass sie ihre Kinder aussetzen mussten, damit diese nicht am Leben blieben.20 Zu eben dieser Zeit ward Moses geboren; und Gott hatte Wohlgefallen an ihm.Gott hatte in freier Wahl dieses Kind zu Großem erwählt. Stephanus hebt aus der Geschichte des Moses nur jene Züge hervor, welche ihn als Vorbild für Christus erscheinen lassen. - Und er ward drei Monate in seines Vaters Hause genährt.21 Als er aber ausgesetzt wurde, nahm ihn die Tochter Pharao's auf, und erzog ihn als ihren Sohn.22 Und Moses ward in aller Weisheit der Ägypter unterrichtet,Die Moses mitgeteilten Kenntnisse bezogen sich hauptsächlich auf die Naturkunde, Sternkunde, Arzneiwissenschaft u. a. „Mächtig in seinen Worten“ ist nicht gegen [2Mos 4,10ff], da jemand durch das Wort gewaltig wirken kann, ohne ein gewandter Redner zu sein, falls andere Eigenschaften und Gottes Beistand das Mangelnde ersetzen. Vergl. ebenda. V. 12. Auch aus heidnischen Schriftstellern dürfen wir Schätze der Bildung schöpfen. - und war mächtig in seinen Worten und Taten.23 Als er aber vierzig Jahre alt war, kam es ihm in den Sinn, seine Brüder, die Kinder Israels, zu besuchen.Moses, unabhängig und nichts bedürfend, am Hofe mächtig, kommt mitleidig zu seinen Brüdern. -24 Und da er einen Unrecht leiden sah, verteidigte er ihn, und rächte den, der Unrecht litt, indem er den Ägypter erschlug.25 Er glaubte aber, seine Brüder würden verstehen, dass Gott ihnen Rettung durch seine Hand verschaffen wolle, allein sie verstanden es nicht.Selbst wenn Moses nur aus menschlicher Aufwallung gehandelt hätte, konnten die Israeliten erkennen, dass Gerechtigkeitsgefühl, Mut und selbstverleugnende Liebe ihn befähigte, an ihre Spitze zu treten. Nun war aber Moses bereits über seine Berufung von Gott übernatürlich belehrt, also entsprang das Strafgericht über den Ägypter göttlichem Antriebe. Doch schon damals begann Israel sein Heil zu verkennen und zurückzustoßen. (V. 26 – 28) -26 Am folgenden Tage zeigte er sich ihnen, als sie eben stritten; und er suchte zwischen ihnen Frieden zu stiften, und sprach: Männer! ihr seid Brüder, warum tut ihr einander Unrecht?27 Derjenige aber, welcher seinem Nächsten Unrecht tat, stieß ihn zurück, und sagte: Wer hat dich zum Vorsteher und Richter über uns gesetzt?Moses, der seiner glänzenden Stellung uneingedenk seine armen Stammesbrüder aufgesucht und tatkräftig gegen die Unterdrücker verteidigt hat, findet seinen wohlwollenden Vermittlungsversuch schnöde zurückgewiesen. Wieder ist menschlichem Ermessen nach mit der Flucht des Moses (V. 29) das Werk der Rettung zerstört, und doch ist gerade dies wiederum der Weg Gottes, der den Erlöser seines Volkes erst jetzt seiner wahren Berufung und Bestimmung entgegenführt. (V. 30 – 34) -28 Willst du mich etwa töten, wie du gestern den Ägypter getötet hast?Wie alt ist die Widersetzlichkeit des Volkes gegen gottgesandte Männer! -29 Da floh Moses auf dieses Wort, und ward ein Fremdling im Lande Madian, wo er zwei Söhne zeugte.Wie am Beginne seines Lebens (V. 21), so ist Moses auch in der Mitte desselben seinem Volke entzogen. Er ist Fremdling, Teil eines anderen Volkes, und seine Rückkehr zu seinem Volke steht nicht zu erwarten, aber gerade da ist die Zeit da, wo Gott ihn beruft, Israel zu befreien. (V. 34) -30 Und als vierzig Jahre erfüllt waren, erschien ihm in der Wüste des Berges Sina ein Engel in der Feuerflamme eines Dornbusches.Die Wüste, in welcher der Berg Sinai liegt, erstreckt sich vor und zwischen zwei Gipfeln, deren nördlicher der Berg Horeb ist. Der hier erwähnte Engel ist wohl der Engel des Herrn [2Mos 3,2], nach dem Hebräischen Gott selbst, insofern er sich offenbart, der Sohn Gottes, das ewige Wort (Iren., Basil., Cypr., Ambros., Aug.). -31 Da Moses dies sah, staunte er über die Erscheinung; und als er hinzutrat, um sie zu betrachten, erging an ihn eine Stimme des Herrn:32 Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da zitterte Moses, und wagte nicht hinzuschauen.33 Der Herr aber sprach zu ihm: Löse die Schuhe von deinen Füßen; denn die Stätte, auf der du stehest, ist heiliger Boden.In der Wüste war kein Tempel und doch „heiliges Land“. -34 Ich habe sehr wohl die Bedrückung meines Volkes, das in Ägypten ist, gesehen, und habe ihr Seufzen gehört, und ich bin herabgekommen, sie zu befreien. Und nun komme, ich will dich nach Ägypten senden.35 Diesen Moses, den sie verleugneten, da sie sprachen: Wer hat dich zum Vorsteher und Richter gesetzt? diesenGott sandte in seiner unerschöpflichen Güte gerade den als Retter, den sie trotzig abgewiesen hatten. - sandte Gott als Oberhaupt und Erretter durch die Hand des Engels,Mit dem Schutze und der Beihilfe des unerschaffenen Engels, welcher Moses im Dornbusche erschienen war. Je unverkennbarer Moses sich als Erretter seines Volkes zeigte (V. 35ff), je gnadenvoller Gott selbst mit ihm verkehrte (V. 37ff), desto tadelnswerter war Israels Undank (V. 35) und Abtrünnigkeit. (V. 40ff) Moses ein Fürst, vergl. [Apg 5,31], Erlöser und Mittler (V. 39), das Vorbild des Herrn, wie V. 37 zeigt. - der ihm im Dornbusche erschienen war.36 Dieser führte sie heraus, unter Wundern und Zeichen, die er tat, im Lande Ägypten, und im roten Meere, und in der Wüste vierzig Jahre hindurch.37 Dies ist jener Moses, der zu den Kindern Israels sprach: Einen Propheten wird euch Gott aus euern Brüdern erwecken, wie mich; diesen sollet ihr hören!Wie Moses durch das Werk der Befreiung und seiner Wunder ein Vorbild des Herrn war, so hat er als Prophet auf ihn, die Erfüllung aller Prophezeiungen, hingewiesen. Vergl. [Apg 3,22] -38 Dieser ist es, der bei der GemeindeBei dem behufs Empfanges des Gesetzes versammelten Volke. - in der Wüste mit dem Engel, der zu ihm auf dem Berge Sina redete, und mit unsern Vätern war; der Worte des LebensDas Gesetz bietet Worte des Lebens, soferne es von dem lebendigen Gott ausgeht und wenn vollständig beobachtet, auch innerliches übernatürliches Leben verlieh, denn es verlangte auch den Glauben, die Hoffnung auf den Erlöser und die Liebe; es bereitete auf Christus vor, welcher das wahre Leben ist. Wenn der heilige Paulus [Gal 3,11.12] und an anderen Stellen dem Gesetze jede Lebenskraft abzusprechen scheint, so spricht er vom Gesetze mit Ausschluss des Glaubens an den Erlöser und somit von dem Gesetze ohne die Gnade, durch die es erfüllt werden kann. Das nur vorschreibende, aber nicht stärkende Gesetz kann allerdings kein Leben vermitteln. - empfing, um sie uns zu geben;39 dem unsere Väter nicht gehorsam sein wollten, sondern sie verwarfen ihn, und wandten ihre Herzen nach Ägypten hin,Trotz aller Wohltaten und Offenbarungen Gottes verfuhren die Israeliten mit Moses wie ihre Kinder mit Christus. -40 indem sie zu Aaron sprachen: Mache uns Götter,Götter: Irgend einen (V. 41), wie sie in Ägypten gesehen hatten [Neh 9,18], um von ihm weiter vorwärts oder nach Ägypten zurückgeführt zu werden [2Mos 16,3, 4Mos 14,4] - die vor uns hergehen sollen; denn dieser Moses,Wie verächtlich. - der uns aus dem Lande Ägypten geführt hat, wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist.41 Und sie machten ein KalbNachahmung des ägyptischen Stieres Apis, der der Sonne (Osiris) geweiht war. Aaron gebraucht das den Israeliten bekannte Bild als Sinnbild Jahve's, diese aber beteten es als Götzenbild an. So dankbar waren sie nach ihrer Rettung, so gehorsam ihrem Retter, so willig gegen Gottes neue Anordnungen! Ein trauriges Vorbild der Juden zur Zeit des Herrn. - in jenen Tagen, und brachten dem Götzenbilde ein Opfer dar, und erfreuten sich an den Gebilden ihrer Hände.42 Gott aber wandte sich,Gott wandte sich ab, änderte sein Verhalten gegen sie, hörte auf, ihnen gnädig zu sein. - und gab sie preis,Dieses Wort wird hier in derselben Bedeutung gebraucht wie [Roem 1,24]. Gott entzog ihnen zur Strafe für ihren Götzendienst reichere Gnaden. So fielen sie, ihrem verderbten Willen überlassen, zur Strafe für die ersten ungebüßten Sünden anderen Sünden anheim. - dem Heere des Himmels zu dienen,Das Himmelsheer sind die Sterne. Vergl. [Jer 8,2]. - wie geschrieben steht im Buche der Propheten:Gemeint ist [Amos 5,25.27] nach der Septuag. - Habt ihr mir etwa Schlachtopfer und Gaben dargebracht die vierzig Jahre hindurch in der Wüste, Haus Israel?Die Frage setzt eine verneinende Antwort voraus und enthält einen bitteren Vorwurf. -43 Ihr habt ja das Zelt des Moloch aufgenommen,Wie man die Bundeslade trug, führten die Israeliten auf ihrer Wanderung einen Schrein mit dem Götzenbilde des Moloch mit sich, des damals in Chanaan verehrten Himmels- und Sonnengottes. - und das Gestirn eures Gottes Rempham,Remphan (Septuag), richtiger wohl Rijun, ist wahrscheinlich der koptische Name des Planeten Saturn. Vergl. [Amos 5,26] nach der Peschitto. - die Bilder, welche ihr gemacht, sie anzubeten. Und ich werde euch wegführen bis über Babylon hinaus.Der heil. Stephanus ändert das Zitat aus Amos, indem er statt: „über Damaskus hinaus“ sagt: über Babylon hinaus, um durch den in der Geschichte längst näher bestimmten Sinn der Weissagung die so demütigende Erinnerung an Babylon den ahnenstolzen Juden nahezulegen. Welch Gegensatz zu diesen heidnischen Greueln bildet nicht Gottes barmherzige Führung mit den Vätern (V. 44), durch alle Wanderungen und Wandlungen ihrer Geschichte hindurch (V. 45, V. 46), bis zum Baue des Tempels! Und dennoch änderten Gottes stete Erbarmungen das Volk nicht. (V. 51 – 53) -44 Das Zelt des ZeugnissesDas Zelt des Zeugnisses [2Mos 25,8-40], so übersetzt die Septuag. Man erklärte infolge dessen, im Zelte habe Gott von sich Zeugnis gegeben, d. h. sich offenbart, z. B. in den dort aufbewahrten Gesetzestafeln. Hebr. hieß es Zelt der Zusammenkunft, nämlich Gottes mit seinem Volke. Eine solche „Zusammenkunft“ geschah aber auch durch die Offenbarung, und so ist der Sinn des Hebr. von dem der Septuag nicht verschieden. - war mit unsern Vätern in der Wüste, wie Gott es ihnen verordnet hatte, da er zu Moses sprach, er solle es nach dem Vorbilde machen, welches er gesehen hatte.45 Dieses brachten auch unsere Väter, die es überkommen hatten, mit JesusJesus: Josua, vergl. [JSir 46,1] zog in Chanaan ein, das Land zu erobern [Jos 3, Jos 4]. Bis zur Regierung Davids wechselte das Heiligtum mehrfach seinen Standort, es gab also in Israel keine bleibende heil. Stätte. [Jos 6,13] Der Entschluss eine solche zu schaffen, reiste in dem frommen David (V. 46), ward aber erst durch Salomon verwirklicht. (V. 47). - in das Besitztum der Heiden, die Gott austrieb vor dem Angesichte unserer Väter, bis zu den Tagen Davids.46 Dieser fand Gnade vor Gott, und bat, dass er eine Wohnung finden möchte für den Gott Jakobs.[2Sam 7,2, 1Chr 17,1, Ps 13,1.2ff] -47 Salomon aber baute ihm ein Haus.Nicht weil Gott es David oder ihm befohlen, oder als ob der Tempel notwendig gewesen, sondern um den Wunsch Davids zu erfüllen (Vergl. Anm. 41) und in Kraft der David für Salomon gegebenen Erlaubnis. [2Sam 7,13, 1Chr 28,2.6] Der Tempel ist also menschlichem Willen entsprungen, wenn auch mit Genehmigung Gottes. Wie mithin die Verehrung Gottes vom Tempel nicht abhing, so sollte sie auch nach Vollendung desselben nicht auf ihn beschränkt bleiben. -48 Allein der HöchsteDer Höchste: den Gegensatz bildet die Niedrigkeit eines Gebäudes durch Menschenhand. - wohnt nicht in Gebäuden, von Menschen Händen gemacht, wie der Prophet sagt:49 „Der Himmel ist mein Thron, die Erde aber der Schemel meiner Füße. Welches Haus werdet ihr mir bauen? spricht der Herr; oder welches ist die Stätte meiner Ruhe?50 Hat nicht meine Hand dieses alles gemacht?“Der wahre Gott, der Schöpfer Himmels und der Erde, ist unendlich groß. Was ist gegen und für ihn auch ein großer prachtvoller Tempel? Überdies bauen die Menschen nichts aus ihrem Eigenen, alles zum Bau verwendete ist sein Werk. Vergl. [Jes 66,1.2] -51 Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren, ihr widerstehet allezeit dem Heiligen Geiste; wie eure Väter, so auch ihr!Entweder fühlte der heil. Stephanus, dass seine Worte den Juden anstößig waren, oder diese gaben Zeichen ihres Unwillens. Daher diese plötzliche vorwurfsvolle Anrede. Andere nehmen an, der Gegenstand sei erschöpft: Die Gnadenerweise Gottes waren nicht an den Tempel gebunden bis Salomon, also könne es kommen, dass Gott sich den Menschen überall offenbare und gnädig zeige. Nun folge die Anwendung: Indem ihr jetzt noch alles vom Tempel abhängig machet, widersteht ihr dem heil. Geiste. Vergl. [Apg 3,8]. Als der Tempel stand, verehrtet ihr Götzen, wenn Gott ohne Tempel verehrt werden will, tut ihr das Gegenteil (Chrys.). Die aus dem Gesetze und die Propheten entnommenen Worte mussten seine Hörer hart treffen: der Vorwurf der Widerspenstigkeit [2Mos 32,9, 5Mos 9,6], der Geistesrohheit [3Mos 26,41], fast heidnischer Stumpfheit und Gleichgültigkeit. Vergl. [Jer 6,10] -52 Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die da weissagten von der Ankunft des Gerechten, dessen Verräter und Mörder ihr nun geworden seid,Der Gerechte ist Christus. Die Juden sind seine Verräter geworden, insofern sie ihn den Römern durch falsche Anklagen überlieferten, und seine Mörder, weil sie Pilatus zur Kreuzigung zwangen. -53 die ihr das Gesetz durch die Dienstleistung der EngelVergl. [Gal 3,19, Hebr 2,2]. Die Überlieferung, dass Engel das Gesetz dem Volke mitteilten, beruht auf [5Mos 33,2], wo es im Hebräischen heißt, dass Gott mit Tausenden der Heiligkeit d. h. in Begleitung zahlloser himmlischer Heerscharen erschien. Die Gesetzesübertretung ist umso strafbarer, weil das Gesetz durch Engel übermittelt ward. - empfangen, aber nicht bewahrt habt.54 Als sie dieses hörten, ergrimmten sie in ihren Herzen, und knirschten mit den Zähnen wider ihn.55 Er aber voll des Heiligen Geistes, blickte gen Himmel, und sah die Herrlichkeit Gottes,Den Lichtglanz, in welchem Gott zu erscheinen pflegt, in einer Weise, die dem noch mit dem Leibe verbundenen Geiste angemessen war. Vergl. [2Mos 16,10] - und Jesus zur Rechten Gottes stehen,Nicht in sitzender Stellung. [Mt 26,64] Er hat sich gleichsam vom Throne erhoben, um seinem treuen Diener und Blutzeugen in seinem Triumphe beizustehen, (Greg. Gr.) und ihn als Sieger zu empfangen. - und sprach: Sehet, ich sehe die Himmel offen,Die Himmel: Mehrzahl nach dem Hebräischen. Er sieht mit den Augen des Geistes den Himmel offen. - und den MenschensohnAußer in den Evangelien kommt im N. T. dieses Wort nur an dieser Stelle vor. Es erinnert an das, was der Herr selbst an gleicher Stätte gesprochen. [Lk 22,69]. Die Juden wähnen eine neue Gotteslästerung zu hören, da er den Menschensohn Gott gleichstellt. - zur Rechten Gottes stehend.57 Sie aber mit lauter Stimme aufschreiend, hielten ihre Ohren zu, und stürzten einmütig auf ihn los.Das hier Berichtete gilt wohl von allen Anwesenden. In V. 58 sind die Ankläger, Zeugen und andere mehr untergeordnete Juden zu verstehen. Der hohe Rat hatte zu diesem Vorgehen mitgeholfen und die Steinigung nicht verhindert. -58 Und nachdem sie ihn zur Stadt hinausgeschleppt, steinigten sie ihn,Nach dem Gesetze stand auf Gotteslästerung Steinigung. [3Mos 24,14] Jene haben mich verstoßen, nimm du mich auf, ruft der heil. Märtyrer (Aug.). Was das in der rechten Seelenverfassung erduldete Martyrium Schuld und Strafe vollkommen tilgt, (Thom.) gelangen nach gewöhnlicher Annahme die Märtyrer unmittelbar nach dem Tode zur Seligkeit. - und die Zeugen legten ihre Kleider zu den Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß.Junge Männer hießen die unverheirateten Männer bis zum 40. Jahre. Saulus stand damals jedenfalls schon im 30. Lebensjahre, denn öffentliche Ämter wurden vor diesem Alter nicht verliehen. Nach [Apg 8,3] ist aber Saulus mit einem solchen bekleidet. Die Ermordung des Stephanus fällt um das Jahr 37. (Nach anderen 33.) Wer hätte meinen sollen, dass derselbe Mann, der in so besonderer Weise seine Zustimmung zum Morde des heil. Stephanus gab, Erbe seines Geistes sein und denselben Glauben in der ganzen Welt verbreiten werde? Wie blieb ihm diese Stunde im Gedächtnisse bis an's Ende seines Lebens! Sind nicht die Worte des heil. Stephanus fast die letzten, die Paulus geschrieben: Ich bitte Gott, dass es ihnen nicht angerechnet werde? [2Tim 4,16] -59 Und sie steinigten den Stephanus, welcher betete, und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!Jesu Worte [Lk 23,46] standen dem heil. Märtyrer wohl vor Augen. Der heil. Stephanus ist als erster Märtyrer einer der vorzüglichsten lebendigen Steine, aus denen Christus seine Kirche zu bauen beginnt. -Das Martyrium des heiligen Stephanus
Gustave Doré (1832-1883), La Grande Bible de Tours (Alfred Mame et fils, Tours, 1866)
The Doré Bible Illustrations (Dover Publications, 1974) — Bilder bereitgestellt von Rev. Felix Just, S.J.60 Und auf die Kniee fallend, rief er mit lauter Stimme, und sprach: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! und als er dies gesagt hatte, entschlief er im Herrn.Dies Wort gebraucht das N. T. gern vom Tode der Gerechten. Vergl. [Apg 13,36, 1Kor 7,39, 1Kor 15,18] u. a. Saulus aber willigte mit ein in seinen Tod.