Daniel 1

Einleitung: Daniel wird am Königshofe erzogen.

Im dritten Jahre der Herrschaft Joakims, des Königs von Juda, zog Nabuchodonosor, der König von Babylon, gegen Jerusalem und belagerte es. Im vierten Jahre des Eliakim, des Sohnes des Königs Josias, den der König Nechao von Ägypten unter dem Namen Joakim auf den Thron gesetzt, zog Nabuchodonosor an den Euphrat und besiegte bei Charkamis das ägyptische Heer. Hierauf zog er gegen Jerusalem und zwang Joakim zur Unterwerfung. Schon war er von da weiter gezogen, um in Ägypten einzufallen, als er die Nachricht erhielt, sein Vater Nabopolassar sei gestorben. Er übergab also die gefangenen Juden, Phönizier, Syrier und Ägypter seinen Freunden, dieselben nach Babylon zu führen. Doch wenn nach [Jer 46,2] die Schlacht bei Charkamis in das vierte Jahr Joakims fällt, bezeichnet Daniel, der in Babylon wohnte, wohl das dritte als dasjenige, in dem Nabuchodonosor von Babylon zu jener Expedition aufbrach, in deren Verlauf er auch Jerusalem belagerte. Demgemäß bezieht sich die Zeitbestimmung nur auf das erste Verbum: zog. Über diesen Zug vergl. [2Koe 24,1.2; 2Chr 36,6; Jer 35,1-11]. Nabuchodonosor heißt hier König von Babylon, entweder weil er schon, wie viele annehmen, im Jahre 607 von seinem Vater als Mitregent angenommen war, oder weil er hier mit dem ihm später zugefallenen Titel in der Erzählung bezeichnet wird. - Und der Herr gab Joakim, den König von Juda, und einen Teil der Gefäße des Hauses Gottes in seine Hand Gott demütigte ihn. Vergl. [2Koe 24,1] und [2Chr 31,6]. Doch ehe er bis nach Babylon kam, gelang es ihm, den Zorn des Königs zu besänftigen und die Erlaubnis zur Rückkehr zu erlangen. - und er führte sie in das Land Sennaar Babylon. Siehe [1Mos 10,10]. - hinweg, in das Haus seines Gottes, und brachte die Gefäße in das Schatzhaus seines Gottes. So hat also Gott wegen der Sünden der Juden sein Heiligtum verworfen, wie er durch Jeremias angedroht. [Jer 26,6] Der Gott ist wohl Merodach, der Schutzgott von Babylon. - Hierauf befahl der König Asphenez, dem obersten der Kämmerer, von den Söhnen Israels, vom königlichen und fürstlichen Geblüte, Drei verschieden Klassen: Söhne Israels, Jünglinge von königlichem und von fürstlichem Geblüte. Die israelitischen Jünglinge sind also mit den Söhnen der Nebenweiber es Königs oder anderer von Nabuchodonosor besiegten Könige und den Söhnen von Fürsten an den Hof berufen. - Jünglinge herbeibringen zu lassen, Dass vornehme fremdländische Jünglinge am Hofe des Königs erzogen und mit verschiedenen Ämtern betraut wurden, bezeugen auch die Denkmäler Sennacheribs. - welche ohne Fehl, schön von Gestalt, in aller Weisheit unterrichtet, klugen Verstandes, voll Einsicht und geschickt seien, im Palaste des Königs Dienst zu tun, und sie in Schrift und Sprache Damit sie den Weisen Chaldäas beigezählt werden konnten, mussten sie Schrift und Sprache der Chaldäer lernen, d.i. die Keilschrift und die alte akkadische (sumerische) Sprache. - der Chaldäer Nicht die gewöhnlich so benannte Sprache, die Daniel auch in einigen Teilen seines Buches gebraucht und die besser aramäische heißt, sondern die Sprache des alten Volkes, das bereits vor den Semiten jenes Land bewohnte, und von dem diese auch die Keilschrift entlehnt. - unterrichten zu lassen. So ward erfüllt, was [Jes 39,7] vorausgesagt. - Auch bestimmte der König ihnen einen täglichen Unterhalt von seinen eigenen Speisen und von dem Weine, von dem er selbst trank, und befahl, sie drei Jahre zu erziehen, dass sie nach Verlauf derselben vor dem Könige Dienst täten. Nach Xenophon begannen die Jünglinge bei dem Perserkönige ihre Dienstleistung im siebzehnten Lebensjahre. - Unter ihnen waren von den Söhnen Judas: Daniel, Ananias, Misael und Azarias. Der oberste der Kämmerer aber gab ihnen andere Namen: Namensänderungen nahmen siegreiche Könige und Herren zum Zeichen ihrer Herrschaft vor. So änderte Nechao Eliakims Namen in Joakim, nannte Nabuchodonosor den Matthanias, als er ihn zum Könige einsetzte, Sedekias. [2Koe 23,34; 2Koe 24,17] Am Hofe des Königs von Babylon sollten zudem nur einheimische gehört werden und die babylonischen Namen die Jünglinge erinnern, dass sie nun auch babylonische Sitten und Gewohnheit an anzunehmen hatten. - Daniel nannte er Baltassar, Ananias Sidrach, Misael Misach und Azarias Abdenago. Baltassar: Belit-sar-usur, Belit (Bel), schütze den König. Abdenago: Wohl fehlerhafte Wiedergabe der Schreiber statt Abdenebo, Knecht des Nebo. Nebo oder Nabu war eine der vorzüglichsten Gottheiten von Babylon. Die beide anderen Namen sind wohl gleichfalls verunstaltet. - Daniel aber nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht durch des Königs Kost noch durch den Wein, den dieser trank, zu verunreinigen und bat den Oberkämmerer, zu machen, dass sie nicht befleckt würden. D.i. dass ihnen Erlaubnis gegeben werde, die durch das Gesetz verbotene Befleckung zu meiden. Teils waren bestimmte Speisen untersagt, teils konnten die Gefäße eine Verunreinigung herbeiführen, vergl. [Gal 2,12], teils endlich war zu befürchten, dass ihnen Opferfleisch vorgesetzt ward. Auch wenn aber ein Jude nur solche Speisen aß, welche ihm nach Vorschrift des Gesetzes gestattet waren, konnte schon allein der Umstand, dass er mit den Heiden aß, bei seinen Glaubensgenossen den Verdacht erwecken, dass er die Speiseverbote nicht achte, und so Ärgernis erregen. (Vergl. das Verhalten Tobias und Judiths.) - Gott aber ließ Daniel Gnade und Erbarmen vor dem Angesichte des Oberkämmerers finden. Wie einst Joseph. (Theod.) - Und der Oberkämmerer sprach zu Daniel: Ich fürchte mich vor meinem Herrn, dem Könige, der euch Speise und Trank angewiesen hat; denn Hebr.: fragend: Warum soll er nun euer Gesicht abgefallen finden gegen die Knaben eine Alters? - wenn dieser sieht, dass euer Gesicht magerer ist als das der andern Jünglinge eures Alters, so werdet ihr mein Haupt bei dem Könige in Schuld bringen. Da sprach Daniel zu Malasar, Wächter, Unterbeamter, der wohl die Speisen zu überbringen hatte. - den der Oberkämmerer über Daniel, Ananias, Misael und Azarias gesetzt hatte: Versuche es doch mit deinen Knechten zehn Tage, dass man uns nur Gemüse zu essen gebe und Wasser zu trinken. Wein zu trinken war durch das Gesetz nicht verboten. Zu der Beobachtung des Gesetzes wollen sie geheiligte Enthaltsamkeit hinzufügen. Sie wählen einen zur Probe ausreichenden, doch nicht zu langen Zeitraum, dessen Gewährung sie leicht erwarten durften. - Alsdann prüfe unser Aussehen und das Aussehen der Jünglinge, welche von den Speisen des Königs genießen; und wie es dir gut dünkt, magst du dann mit deinen Knechten verfahren. Er hörte auf diese Worte und versuchte es mit ihnen zehn Tage. Nach Verlauf von zehn Tagen aber erschien ihr Aussehen besser und voller als das aller der Jünglinge, welche von den königlichen Speisen zu genießen pflegten. Da nahm Malasar die für sie bestimmte Speise und den Trank und gab ihnen Gemüse. Gott aber verlieh diesen Jünglingen Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit, In allen Schriften und Büchern, in denen die Weisheit der Chaldäer enthalten war. - dem Daniel aber die Gabe, alle Gesichte und Träume zu verstehen. Diese Kunst stand bei den Chaldäern in ganz besonders hohem Ansehen. Die Erwähnung dieses Umstandes bereitet auf die folgende Erzählung vor. Gesichte sind dem Geiste dargestellte Symbole. Träume werden auch von Gott gesendet, wie [1Mos 40,5; 1Mos 41,1ff; 4Mos 12,6; Joe 2,28] zeigen. - Als nun die Zeit um war, nach deren Ablauf sie auf des Königs Befehl vor diesen gebracht werden sollten, führte sie der Oberkämmerer vor Nabuchodonosor. Und da der König mit ihnen redete, Durch Fragen ihrer Geistesgaben und Ausbildung erforschte. - fanden sich unter allen keine wie Daniel, Ananias, Misael und Azarias; so wurden sie denn des Königs Diener. Und in allen Fragen der Weisheit und Einsicht, Der Weisheit und ihrer praktischen Anwendung. - welche der König ihnen vorlegte, fand er sie allen Wahrsagern und Weisen, die in seinem ganzen Reiche waren, zehnmal überlegen. So wird Gott durch seine treuen Diener bekannt und am Königshofe verherrlicht. - Daniel aber lebte dort bis zum ersten Jahre des Königs Cyrus. Als Ratgeber bei Nabuchodonosor und seinen Nachfolgern. Es wird also nicht gesagt, er sei im ersten Jahre des Cyrus gestorben. (Vergl. auch [Dan 6,29] aram.: Und es ging Daniel gut im Reiche des Darius und im Reiche des Persers Cyrus.)

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