1Der König Astyages aber ward zu seinen Vätern beigesetzt, und Cyrus, der Perser, überkam dessen Herrschaft.Theodotion sowie die anderen Übersetzungen außer der Vulgata verbinden diesen Vers mit Recht mit der folgenden Geschichte, da Daniel nicht mehr wie [Dan 13,45] ein Jüngling genannt werden kann. Cyrus besiegte den Astyages und nahm ihn gefangen im Jahre 550 v. Chr., Daniel aber wurde nach Babylon im Jahre 605 weggeführt. Cyrus ließ dem Astyages eine gewisse Herrschaft, so dass er nach dessen Tode als Nachfolger beim Volke gelten konnte. Vom Tode des Astyages bis zur Einnahme des Babylonischen Reiches durch Cyrus waren viele Jahre vergangen. Die Septuaginta hat diesen Vers nicht, doch pflegt sie auch sonst den Text des Propheten freier zu behandeln.Daniel überführt die Priester des Bel
Gustave Doré (1832-1883), La Grande Bible de Tours (Alfred Mame et fils, Tours, 1866)
The Doré Bible Illustrations (Dover Publications, 1974) — Scans bereitgestellt von Rev. Felix Just, S.J.2 Daniel aber war des Königs Tischgenosse und höher in Ehren gehalten als alle Freunde desselben.Cyrus hatte die Herrschaft im Jahre 539 oder 538 v. Chr. angetreten. Daniel, der den Übergang der Herrschaft auf die Meder und Perser geweissagt [Dan 5,28], war durch Gottes den Juden gnädige Vorsehung auch Cyrus Freund geworden. – Nach der Septuag. ist von einem anderen Daniel die Rede. -3 Nun hatten die Babylonier ein Götzenbild, namens Bel;Bel, assyr.-babylonisch Bilu, war einer der Hauptgötter des Landes. Aus Denkmälern und Inschriften steht gleichfalls fest, dass man den Göttern Gaben und Opfer, Schafe, Hirsche, Früchte, Wein usw. darbrachte. - auf dasselbe wurden täglich zwölf ScheffelEin persisches Maß, das etwa 55,81 Liter fasste. - Weizenmehl, vierzig Schafe und sechs MaßWohl ¾ eines attischen Scheffels, der 52,53 Liter fasste. Septuag.: Vier Schafe und Öl. - Wein aufgewendet.4 Auch der KönigCyrus. Dass er auch die babylonischen Gottheiten verehrte, steht aus den Keilschriften fest. - verehrte denselben und ging Tag für Tag hin, ihn anzubeten, Daniel aber betete seinen Gott an. Da sprach der König zu ihm: Warum betest du den Bel nicht an?5 Er antwortete und sprach zu ihm: Weil ich keine Götzen verehre, die von Händen gemacht sind, sondern den lebendigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und Macht hat über alles, was lebt.Von der Betrachtung der Geschöpfe will er den Sinn des Königs zum Schöpfer und Lenker derselben erheben. -6 Da sprach der König zu ihm: Scheint dir denn Bel nicht ein lebendiger Gott zu sein? Oder siehst du nicht, wie viel er täglich isst und trinkt?7 Daniel antwortete lächelnd: Lass dich nicht täuschen, o König! denn dieser dort ist innen von Ton und außen von ErzSo pflegten die Götzenbilder gefertigt zu werden. Vielleicht folgt aus V. 7, V. 10, dass der König die Kosten für die Opfer bestritt. - und hat noch niemals etwas gegessen.8 Da ward der König zornig, ließ die Priester desselben rufen und sprach zu ihnen: Wenn ihr mir nicht sagt, wer diesen Aufwand verzehrt, so müsst ihr sterben!9 Wenn ihr aber nachweist, dass Bel dies verzehrt,Nach der Weihe eines Götzenbildes wohnte die Gottheit in demselben nach der Meinung der Heiden. - so soll Daniel sterben, weil er den Bel gelästert hat! Daniel sprach zum Könige: Es geschehe deinem Worte gemäß.10 Nun waren siebzig Belpriester, ohne die Frauen, die kleinen Kinder und die erwachsenen Söhne.Doppelte Übersetzung desselben Wortes. - Als also der König mit Daniel zu dem Tempel Bels kam,11 sprachen die Priester Bels:Die Sept. schreibt dies dem Könige zu. - Siehe, wir wollen hinausgehen, du aber, o König! setze die Speisen hin und mische den Wein, verschließe auch die Tür und versiegle sie mit deinem Ringe.12 Wenn du dann früh morgens eintrittst und nicht alles von Bel verzehrt findest, so wollen wir des Todes sterben oder aber Daniel, der wider uns gelogen hat.13 Sie achteten es aber gering,Versprachen sich leicht den Sieg. - denn sie hatten unter dem Tische einen heimlichen Eingang gemacht, durch diesen kamen sie stets herein und verzehrten alles.14 Nachdem jene hinausgegangen waren und der König dem Bel die Speisen hatte vorsetzen lassen, gab Daniel seinen Dienern den Befehl, Asche herbeizubringen. Diese ließ er in Gegenwart des Königs im ganzen Tempel aussieben. Alsdann gingen sie hinaus, verschlossen die Pforte, versiegelten sie mit dem Ringe des Königs und gingen hinweg.15 Die Priester aber kamen des Nachts nach ihrer Gewohnheit mit den Weibern und Kindern hinein und verzehrten und tranken alles.16 Am frühesten Morgen machte sich der König auf und Daniel mit ihm.17 Und der König sprach: Sind die Siegel unverletzt, Daniel? Er antwortete: Sie sind es, o König!18 Sobald er nun die Türe geöffnet hatte, blickte der König auf den Tisch und rief mit lauter Stimme: Groß bist du, Bel, und kein Trug ist bei dir!19 Daniel aber lachte und hielt den König zurück, dass er nicht eintrat, und sprach: Siehe doch auf den Fußboden und habe acht, wessen Fußstapfen dies sind!20 Der König sprach: Ich sehe die Fußstapfen von Männern, Weibern und Kindern. Und der König ward zornig.21 Alsbald ließ er die Priester samt ihren Weibern und Kindern ergreifen und sie zeigten ihm ein verborgenes Pförtchen, durch welches sie eintraten und das, was auf dem Tische war, verzehrten.22 Da ließ der König sie tötenSo wurden die Schlauen in ihrer Schlauheit gefangen. Sie werden mit Recht getötet, da sie selbst ihren Kopf eingesetzt. – Die Sept. weicht in manchen Stücken ab. - und gab den Bel in Daniels Gewalt, der ihn samt seinem Tempel zerstörte.Außer dem Heiligtum des Bel, von dem Herodot erzählt, in dessen Mitte ein Turm mit sieben Stockwerken war, in dessen oberstem Teile ein Heiligtum mit einem Bett und einem Tische sich befand, war noch ein zweites mit dem Bilde des Gottes, einem Throne, einem Tische und zwei Altären. Das letztere war das hauptsächlichere. Dies wurde vom König Cyrus zerstört. Die Sept. erwähnt nur die Zerstörung des Götzenbildes. -23 Es war an diesem Orte auch ein großer Drache, den die Babylonier verehrten.24 Und der König sprach zu Daniel: Siehe, jetzt kannst du nicht sagen, dass dies kein lebendiger Gott sei; bete ihn also an!Schlangen wurden als Symbol des Lebens und der Wissenschaft im Tempel gepflegt, durch sie sollten die Götter ihre Orakelsprüche geben. Nach Diodor stand im Tempel des Bel und vor seinem Throne das Bild zweier ungeheuerer Schlangen. Auch die babylonischen Siegel tragen vielfach das Bild einer Schlange. Die Schlange war auch bei Ägyptern und Phöniziern ein heiliges Tier. -25 Daniel antwortete: Den Herrn, meinen Gott, bete ich an, denn er ist ein lebendiger Gott; dieser aber ist kein lebendiger Gott.26 Du aber, o König! gib mir Vollmacht, so will ich den Drachen ohne Schwert und Keule töten.Die Heiden glaubten, die Schlangen seien an sich unsterblich und nur durch äußere Gewalt zu töten. (Euseb.) Hätte also Daniel die Schlange mit Schwert oder Keule getötet, so vernichtete er damit noch nicht den Glauben des Volkes an die Göttlichkeit derselben. - Der König sprach: Ich gebe sie dir!27 Da nahm Daniel Pech, Fett und Haare, kochte sie zusammen, machte Klumpen daraus und warf diese dem Drachen ins MaulNach Septuag. dreißig Minen Pech, etwa vierundzwanzig Pfund. Herodot erzählt, dass auf der Akropolis zu Athen eine Schlange mit Honigkuchen gefüttert wurde. Daniel füttert sie mit anderen Kuchen. Da die Schlange keinen Geschmack hat, verschlang sie die ihr dargebotene Speise gierig, die auf dem Wege zum Magen des Tieres fest hängen blieb und es tötete. - und der Drache zerbarst. Daniel aber sprach: Sehet da, welchen Gott ihr verehrtet!28 Als die Babylonier dies hörten, ergrimmten sie sehr, rotteten sich wider den König zusammenDie Babylonier empörten sich leicht. Hier ward die Wut des Volkes besonders dadurch erregt, dass ein Fremdling die geheiligte Religion desselben angegriffen. - und sprachen: Der König ist ein Jude geworden; den Bel hat er zerstört, den Drachen getötet, die Priester umgebracht!29 Und sie kamen zu dem Könige und sprachen: Liefere uns Daniel aus, wo nicht, töten wir dich und deine Familie.30 Da nun der König sah, dass sie ihn heftig bestürmten, lieferte er, durch die Not gezwungen, ihnen Daniel aus.Der König hält es für klug, Gewalt nicht mit Gewalt zurückzudrängen und das Volk nicht noch mehr zu erbittern, sondern ihnen ein Opfer auszuliefern. Die Septuag. erwähnt den Tod der Priester nicht. -31 Sie aber warfen ihn in die Löwengrube und er blieb in derselben sechs Tage lang.32 In der Grube befanden sich sieben Löwen, denen täglich zwei Leichname und zwei Schafe gegeben wurden; damals indes wurde ihnen nichts gegeben, damit sie Daniel verschlingen sollten.Da Daniel früher nur durch eine Nacht in der Löwengrube gewesen und heil geblieben, vermuteten sie, dass die Löwen entweder damals nicht hungrig waren oder Daniel dieselben durch ein Zaubermittel besänftigt habe. Deshalb soll er länger in der Grube bleiben und die Löwen gereizt werden. Anders die Septuag. -33 Nun lebte aber in Judäa der Prophet Habakuk. Dieser hatte einen Brei gekocht und Brot in die Schüssel gebrocktNach der Septuag. hat er auch einen Krug Wein. Auch andere kleine Nebenumstände sind verschieden. Der Zeitabstand legt die Folgerung nahe, dass der hier genannte Prophet Habakuk nicht der gleiche ist wie der, dessen Buch wir haben. - und ging auf das Feld, um es den Schnittern zu bringen.34 Da sprach der Engel des Herrn zu Habakuk: Bringe das Mahl, das du da hast, nach Babylon dem Daniel, welcher in der Löwengrube ist!35 Habakuk sprach: Herr! ich habe Babylon nicht gesehen und kenne die Grube nicht.36 Da ergriff ihn der Engel des Herrn bei seinem Schopfe und trug ihn an den Haaren seines Hauptes und setzte ihn im Fluge des Geistes in Babylon oberhalb der Grube nieder.Auch andere wunderbare Versetzungen werden in der Heiligen Schrift berichtet. So [1Koe 18,12] und [2Koe 2,11.16]. Christus wird vom Teufel auf einen sehr hohen Berg geführt, [Mt 4,5.8] Philippus fortgenommen von dem Kämmerer. [Apg 8,39.40] Da Habakuk den Schnittern Essen bringen wollte, hatte er so reichlichen Vorrat, dass dieser für Daniel auf mehrere Tage reichte. -37 Habakuk aber rief und sprach: Daniel, du Diener Gottes! nimm das Mahl, welches Gott dir sendet.38 Daniel sprach: So hast du, o Gott! meiner gedacht und verlässest nicht, die dich lieben.39 Alsdann erhob sich Daniel und aß. Der Engel Gottes aber brachte Habakuk alsbald wieder in seine Heimat zurück.40 Am siebten Tage kam der König, um Daniel zu betrauern. Und als er zur Löwengrube kam und hineinschaute, siehe, da saß Daniel inmitten der Löwen.Nur die Vulgata hat: inmitten der Löwen (V. 39) und den V. 42, der mit [Dan 6,26.27] eine gewisse Gleichförmigkeit zeigt. -41 Da rief der König mit lauter Stimme und sprach: Groß bist du Herr, Gott Daniels! Und er ließ ihn aus der Löwengrube herausziehen.42 Diejenigen aber, welche ihn hatten verderben wollen, ließ er in die Grube werfenNach dem Gesetze der Wiedervergeltung. Nach der Sept. V. 29 war es Sitte, die, welche dem König nachstellten, in die Löwengrube zu werfen. Alsdann war Daniel auch unter ähnlichem Vorwande den Löwen übergeben, während andere seinen Tod forderten, weil er die Götter verunehrt. Doch Gottes wunderbarer Schutz reinigt ihn von beiden Anklagen und zeigt ihn allen sichtbar als Freund der Gottheit. So wurden seine Feinde als Lügner und Feinde der Gottheit erklärt, die ihre Verleumdung und Feindschaft, durch welche sie Daniel zu verderben gesucht, mit Recht mit dem Tode büßten. - und alsbald wurden sie vor seinen Augen aufgefressen. Da sprach der König: Alle Bewohner der ganzen Erde sollen den Gott Daniels fürchten, denn er ist der Retter, der Zeichen und Wunder tut auf Erden, der Daniel aus der Löwengrube befreit hat.So war den Heiden Gottes Macht und Größe wieder durch einen herrlichen Beweis offenbart. Der König erkennt jene öffentlich an. So lernte er auch, dass nicht die Ohnmacht des Gottes der Juden Ursache war, dass diese in die Gefangenschaft der Babylonier kamen, sondern ahnte seine Größe. Wann die Ereignisse mit dem Bel und dem Drachen stattgehabt, lässt sich nicht sicher feststellen. Doch ist es wahrscheinlich, dass der Aufruhr der Babylonier eher in die Anfangszeit der Regierung des Cyrus fällt, in der er es noch für besser hielt, sich die Herzen durch Nachgiebigkeit zu gewinnen.