4. David kehrt im Triumphe nach Jerusalem zurück, erstickt einen neuen Aufstand der nördlichen Stämme und herrscht ohne Störung. (19,1 – 20,26) A. Joab macht David wegen der übermäßigen Trauer um seinen Sohn Vorwürfe. (V. 8) Von dem Stamme Juda aufgefordert (V. 14), kehrt David nach Jerusalem zurück und zeigt sich gegen die Parteigänger Absaloms nachsichtig (V. 30), gegen seine Freunde gütig. B. Bei der Rückkehr des Königs entsteht zwischen dem Stamme Juda und den nördlichen Stämmen neue Uneinigkeit.
Gustave Doré (1832-1883), La Grande Bible de Tours (Alfred Mame et fils, Tours, 1866)
The Doré Bible Illustrations (Dover Publications, 1974) — Bilder bereitgestellt von Rev. Felix Just, S.J.1Da ward der König traurig und ging in das Obergemach des Tores hinauf und weinte. Im Gehen aber sprach er: Mein Sohn Absalom, Absalom mein Sohn! wer gibt mir, dass ich statt deiner sterbe, Absalom, mein Sohn, mein Sohn Absalom?Vergleiche diese Trauer Davids wegen des für seine eigenen Sünden eingetretenen Todes mit der Trauer [2Sam 1,17].2 Es ward aber Joab kundgetan, dass der König um seinen Sohn weinte und trauerte,3 da wandelte sich die Siegesfreude an jenem Tage in Trauer für das ganze Volk; denn das Volk hörte an diesem Tage sagen: Der König trauert um seinen Sohn.4 Da vermied es das Volk, an diesem Tage in die Stadt zu ziehen, wie ein Volk es zu vermeiden pflegt, das geschlagen ist und aus dem Kampfe flieht.Hebr.: Und es zog sich das Volk verstohlen in die Stadt, wie sich das Volk hineinstiehlt, das Gott mit Schmach bedeckt hat, wenn es geflohen ist im Kampfe. -5 Der König aber verhüllte sich das Haupt und rief mit lauter Stimme: Mein Sohn Absalom! Absalom, mein Sohn, mein Sohn!V. 4 knüpft an [2Sam 18,33] an. -6 Da begab sich Joab zum Könige in dessen Haus und sprach: Du hast heute das Angesicht aller deiner Diener beschämt, die dein Leben und das Leben deiner Söhne und deiner Töchter und das Leben deiner Frauen und das Leben deiner Nebenfrauen gerettet haben.7 Du liebst die, welche dich hassen, und hassest die, welche dich lieben, und hast heute gezeigt, dass dir nichts an deinen Befehlshabern und an deinen Dienern liegt; und ich merke nun wahrlich, es gefiele dir, wenn Absalom lebte und wir alle umgekommen wären.Die V. 1 begonnene Erzählung wird fortgesetzt. Du hast heute diese Nachricht ganz anders aufgenommen als deine Diener erwarteten, so dass sie sich schämen müssen. Du liebst, die dich hassen, und hassest, die dich lieben. Schau doch auch auf die Gefahr, von der die Deinen dich befreit haben, und denke an den Dank, welchen du dem Herrn schuldig bist. -8 Stehe also jetzt auf und tritt heraus und tue deinen Knechten Genüge, indem du zu ihnenHebr.: Zu ihren Herzen, also fröhlich. - redest, denn ich schwöre dir bei dem Herrn, wenn du nicht herausgehst, so wird heute Nacht nicht ein Mann bei dir bleiben; und das wird schlimmer für dich sein als alles andere Unglück, das über dich von deiner Jugend an bis jetzt gekommen ist.9 Der König stand also auf und setzte sich an das Tor und man berichtete es dem ganzen Volke, dass der König an dem Tore sitze, da kam das ganze Volk vor den König;Die Streiter ziehen geordnet bei David vorüber, ihr Lob empfangend. - Israel aber floh in seine Hütten.Rückblick auf [2Sam 18,17]. Israel sind die mit Absalom haltenden. -10 Und das ganze Volk machte sich Vorwürfe in allen Stämmen Israels und sprach: Der König hat uns aus der Hand unserer Feinde befreit und hat uns aus der Hand der Philister errettet und nun musste er aus dem Lande Absaloms wegen fliehen.11 Absalom aber, den wir über uns gesalbt haben, ist im Kampfe umgekommen; wie lange seid ihr müßig und führt den König nicht zurück?12 Der König David aber sandte zu Sadok und Abiathar, den Priestern, und ließ ihnen sagen: Redet zu den Ältesten von JudaDavid wartet nicht, bis ihm alle Stämme wieder anerkennen, sondern lässt Juda besonders aufmuntern, indem er Amasa nicht allein Verzeihung, sondern selbst eine Befehlshaberstelle verheißt, um sich so seinen eigenen Stamm und die festeste Stadt, den Mittelpunkt des ganzen Reiches, wiederzugewinnen und so die übrigen Stämme mit mehr Nachdruck zur Unterwerfung auffordern zu können. - und sprechet: Warum kommt ihr als die letzten, den König in sein Haus zurückzuführen? (Denn was ganz Israel redete, war zu dem Könige in sein Haus gedrungen.)13 Ihr seid meine Brüder, ihr mein Gebein und mein Fleisch, warum seid ihr die letzten, den König zurückzuführen?14 Und zu AmasaSchon früher hatte der König gewünscht, sich von Joab befreien zu können. [2Sam 3,29.39] Auch jetzt, wo Joab den Befehl Davids, Absalom zu schonen, verachtet hat, denkt er daran. Über Amasas Verwandtschaft mit David siehe [2Sam 17,25]. Durch diese offene Bevorzugung des feindlichen, noch dazu besiegten Befehlshabers war Joabs Ehrgeiz so gereizt, dass er jenen ermordete. [2Sam 20,10] - saget: Bist du nicht mein Bein und mein Fleisch? Gott tue mir dies und das, wenn du nicht allezeit an der Stelle Joabs Heerführer vor mir sein sollst!15 So gewann er sich das Herz aller Männer von Juda, wie das Herz eines Mannes, so dass sie zum Könige sandten und sprachen: Kehre zurück, du und alle deine Diener!16 Und der König kehrte zurück und kam bis an den Jordan, während ganz Juda nach Galgala kam, um dem Könige entgegenzugehen und ihn über den Jordan zu führen.17 Da zog Semei, der Sohn Geras, des Sohnes Jemini, von Bahurim, eilends mit den Männern Judas herab, dem Könige David entgegen,18 mit tausend Mann von BenjaminDie Benjamiten, wenigstens diejenigen, durch deren Gebiet der Triumphzug ging, wollten, nachdem Juda ein Vorbild gegeben, nicht lässig erscheinen. Besonders Semei, der eine höhere Stelle unter ihnen innehatte und des Königs Zorn am meisten verdiente, tat sich hervor. Auch der [2Sam 16,4] erwähnte Siba ist da. - und Siba, der Diener des Hauses Sauls, und seine fünfzehn Söhne und zwanzig Knechte mit ihm, und sie begaben sich eilig an den Jordan vor dem Könige19 und zogen über die Furt, um die Familie des Königs hinüberzuführenNicht alle tausend, sondern einige, vielleicht Siba und seine nächsten Genossen. (Vergl. V. 29) - und zu tun, was er befehlen würde. Semei aber, der Sohn Geras, warf sich vor dem Könige nieder, als er schon den Jordan überschritten hatte,20 und sprach zu ihm: Rechne mir, o mein Herr, die Missetat nicht an und gedenke deinem Knechte nicht die Unbilden jenes Tages, an dem du, mein Herr und König, von Jerusalem auszogest, noch nimm es, o König, zu Herzen!21 Denn ich, dein Knecht, erkenne meine Verschuldung und darum bin ich heute als der erste vom ganzen Hause JosephsEr war aus dem Stamme Benjamins. Da aber der Stamm Ephraim der bedeutendste war von denen, die zu Absalom übergegangen waren, stellt der Verfasser alle als Haus Joseph dem Stamme Juda entgegen, wie in V. 8 und 11 ganz Israel. - gekommen und bin meinem Herrn, dem Könige, entgegengezogen.22 Abisai aber, der Sohn Sarvias, begann und sprach: Sollte Semei um dieser Worte willen dem Tode entgehen, da er doch den Gesalbten des Herrn gelästert hat?Die Lästerung des Semei [2Sam 16,6-13]. Abisai will Semei nicht entschuldigt wissen, weil die Lästerung erst vor zu kurzer Zeit geschehen war, als dass an Reue zu denken war, und weil Abisai fürchtete, durch zu große Milde seitens des Königs möchten auch andere leicht zu Empörung und Frevel gegen David verführt werden. -23 David aber sprach: Das lasset meine Sorge sein, ihr Söhne Sarvias. Warum werdet ihr mir heute zum Widersacher? Sollte denn heutVergl. [1Sam 11,13]. Er komme nicht mit der Gesinnung eines vertriebenen Königs, Rache zu nehmen, sondern mit den Gefühlen eines neu erwählten, der für die Übertragung der Herrschaft Dank sage. - jemand getötet werden in Israel? Oder weiß ich nicht, dass ich heut König geworden bin über Israel?24 Und zu Semei sprach der König: Du sollst nicht sterben! Und er schwor es ihm zu.Davids Eid ist nicht so gemeint, dass er Semei gänzlich von Strafe freispricht. Sonst hätte er nicht dem Tode nahe [1Koe 2,9] noch dessen Bestrafung empfehlen können und Salomons Befehl, jene wegen neuen Frevels zu töten, wäre nicht als weise bezeichnet worden. [1Koe 2,44] -25 Auch Miphiboseth, der SohnEnkel. - Sauls, kam dem Könige mit ungewaschenen Füßen und ungeschorenem Barte entgegen, auch hatte er seine Kleider von dem Tage an nicht gewaschen, da der König ausgezogen war, bis zu dem Tage, wo er in Frieden heimkehrte.26 Als dieser nun von JerusalemMit ganz Juda V. 15, nicht mit Benjamin (V. 17). - dem Könige entgegenkam, sprach der König zu ihm: Warum bist du nicht mit mir gegangen, Miphiboseth?27 Er antwortete und sprach: Mein Herr und König! mein Knecht hat mich verachtet; ich, dein Diener, sprach zu ihm, er sollte mir den Esel satteln, dass ich aufsteigen und mit dem Könige fortziehen könnte, denn dein Diener ist ja lahm.28 Dazu hat er auch mich, deinen Diener, bei dir, meinem Herrn, dem Könige, angeklagt; du aber, mein Herr und König! bist wie der Engel Gottes, tue, was dir gefällt.29 War doch das Haus meines Vaters gänzlich dem Tode verfallen vor meinem Herrn, dem Könige; du aber hast mich, deinen Diener, unter deine Tischgenossen gesetzt; was hätte ich also für gerechte Klage oder was könnte ich weiter mich beklagen gegen den König?Was du mir genommen, gehörte von rechts wegen nicht mehr mir, da es durch die Schuld meiner Vorfahren verloren war. Nach so vielen von dir empfangenen Wohltaten darf ich mich nicht beklagen, denn sie sind größer als jeder Verlust, den ich erlitten. -30 Da sprach der König zu ihm: Was redest du noch weiter? Es bleibt, wie ich gesprochen habe:Eigentlich: wie ich jetzt sage: Teilet zu gleichen Teilen. So milderte er den Spruch [2Sam 16,4]. Die Benjaminiten waren dem Könige nicht so treu ergeben, darum konnte er Siba, der 35 Hausgenossen hatte [2Sam 9,10] und viele Freunde, nicht aller Güter berauben, ohne die Gefahr eines neuen Bürgerkrieges heraufzubeschwören. Die Hälfte konnte er wieder nehmen, da Siba erstlich zur Zeit der Herrschaft Absaloms noch nicht von den zugewiesenen Gütern Besitz genommen, sodann weil ihm nun die andere Hälfte sicher zuteil ward, die ihm außer David niemand gegeben. Dem Miphiboseth ersetzte David den Verlust aus Eigenem. War indes dessen Schuldlosigkeit ganz klar? Siba klagt ihn [2Sam 16,3] an, er leugnet [2Sam 19,26], David schwankt, wem er glauben soll. - Du und Siba, ihr teilt den Besitz!31 Miphiboseth antwortete dem Könige: Möge er auch alles nehmen, nachdem mein Herr, der König, in Frieden in sein Haus heimgekehrt ist.32 Auch Berzellai, der Galaaditer, kam von Rogelim herbei und führte den König über den Jordan, bereit, ihn auch über den Fluss hinaus zu geleiten.33 Berzellai aber, der Galaaditer, war sehr alt, nämlich achtzig Jahre, und hatte den König, während er in der LagerstadtEr kam mit dem Könige aus Mahanaim. [2Sam 17,24] - weilte, mit Lebensmitteln versehen, denn er war ein sehr reicher Mann.34 Da sprach der König zu Berzellai: Komm mit mir, auf dass du sicher bei mir in Jerusalem Ruhe findest!35 Berzellai aber antwortete dem Könige: Wie viele Tage bleiben mir noch zu leben, dass ich mit dem Könige nach Jerusalem hinaufziehen sollte?36 Achtzig Jahre bin ich heute alt, haben wohl meine Sinne noch Kraft, um zu unterscheiden, was süß oder bitter ist? Oder kann Speise und Trank deinen Diener noch ergötzen? Oder vermag ich noch die Stimme der Sänger und Sängerinnen zu hören? Warum soll dein Diener meinem Herrn, dem Könige, zur Last fallen?37 Nur ein wenig will ich, dein Diener, vom Jordan mit dir weiterziehen; aber solche Vergeltung habe ich nicht vonnöten,38 sondern ich bitte, lass deinen Diener umkehren, dass ich in meiner Stadt sterbe und bei dem Grabe meines Vaters und meiner Mutter begraben werde. Hier ist aber dein Diener Chamaam,Mein Sohn. [1Koe 2,7] - er möge mit dir, mein Herr und König! ziehen; ihm tue, was dir gut scheint.39 Da sprach der König zu ihm: So möge Chamaam mit mir ziehen und ich werde ihm tun, was dir immer gefällt, und alles, was du von mir begehrst, sollst du erhalten.40 Als nun das ganze VolkDas jenseits des Jordans gewesen. - mit dem Könige über den Jordan gezogen war, küsste der König den Berzellai und segnete ihn und dieser kehrte in seine Heimat zurück.41 Darauf zog der König nach Galgala weiter und Chamaam mit ihm. Das ganze Volk von Juda hatte den König hinübergeleitet, aber von dem Volke Israel war nur der halbe Teil gegenwärtig gewesen.42 Es kamen also alle Männer Israels zu dem Könige und sprachen zu ihm: Warum haben unsere Brüder, die Männer Judas, dich heimlich an sich genommen und den König und seine Familie und alle Männer Davids mit ihm über den Jordan geführt?Es handelt sich um die Herabführung des Königs von Galgala nach Jerusalem. Die Hälfte ist für einen Teil gesetzt. Die Klage V. 42 scheint einen Tumult anzudeuten, der eine friedliche Verständigung hinderte. Die Veranlassung zu demselben bot der Umstand, dass die übrigen Stämme Israels nicht eingeladen waren, den König, und zwar vor Juda zurückzugeleiten. Die alte Eifersucht lebt auf, die Klage ist zuletzt gegen den König selbst gerichtet. Wohl stand David diesem Stamme der Herkunft nach näher, doch ohne demselben irgend welche äußeren Vorteile zuzuwenden, wie Saul den Benjaminiten. [1Sam 22,7] -43 Da antworteten alle Männer von Juda den Männern von Israel: Weil der König mir näher steht, warum zürnst du darüber? Haben wir etwas von dem Könige gegessen oder hat man uns Geschenke gegeben?Die Stämme hatten ein Recht, an der Zurückführung teil zu nehmen, und suchten vielmehr die Ehre als einen Vorteil. Die Wechselreden nehmen immer größere Schärfe an. -44 Die Männer Israels antworteten den Männern von Juda und sprachen: Um zehn Teile bin ich größer bei dem Könige und David gehört mehr mir an als dir; warum hast du mir die Unbill angetan, es mir nicht zuerst anzusagen, damit ich unsern König zurückgeführt hätte?Israel zählt 10 Stämme und von ihm ist die erste Anregung ausgegangen. (V. 9 – 12) Aber die Männer von Juda antworteten den Männern von Israel noch härter.