Johannes 9

Am nächsten Sabbat heilt Jesus einen Blindgeborenen. (V. 12) Die Pharisäer wollen das Wunder nicht anerkennen und stoßen den Geheilten aus der Synagoge.

Und als Jesus vorüberging, Dies Ereignis folgte unmittelbar nach dem zuvor erzählten (Orig., Cyr.). Nicht zufällig lenkt Jesus seine Schritte dorthin, wo der Blinde ist, wohl vor dem Tempel. - sah er einen Menschen, der von Geburt an blind war. Der Blindgeborene ist das Bild der Heiden. - Da fragten ihn seine Jünger: Meister! wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? Alle Übel galten bei den Juden als Folgen eigener oder fremder Sünden. Der Blinde aber hätte schon im Mutterleibe gesündigt? Warum stellen die Jünger eine solche Frage? Wohl in Erinnerung an den Gelähmten [Mt 9,2]. Im vorliegenden Falle trägt weder er die Schuld, noch seine Eltern, noch die Erbsünde. - Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern; sondern Deshalb ist er blind geboren, denn usw. - die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. Die Wunderkräfte Gottes sollen sich an ihm offenbaren. An anderen wird Gottes Zweck in anderer Weise erreicht. Stets muss das Böse zur Förderung des Guten beitragen, ob auch die Menschen den Zusammenhang nicht sehen. Dem Blindgeborenen wird sein Unglück zum Glücke, denn die leibliche Heilung macht seinen Geist dem Licht zugänglich, während die sehenden Juden geistig blind bleiben (Chrys.). - Ich muss die Werke desjenigen wirken, der mich gesandt hat, Der Heiland will im Folgenden nun von seiner Wirksamkeit als des vom Vater Gesandten ein Beispiel geben. - so lange es Tag ist; Solange es der Vater für angemessen hält: die Lebenszeit (Cyr.). Mit dem Tode des Heilandes ist das Heilswerk in sich vollbracht, und niemand kann an die Stelle des Herrn treten; nur eine Aneignung des Himmels kann statthaben. - es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. So lange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Urheber des natürlichen und geistigen Lichtes. Indem der Heiland dem Blindgeborenen das natürliche Licht verleiht, gibt er ein Vorbild für das geistige Licht, dem sich die Juden öffnen sollen, so lange es bei ihnen ist. Nur durch ihn allein ist das ewige Licht zu erlangen (Aug.). - Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte aus dem Speichel einen Teig und strich den Teig auf die Augen desselben, Dies Mittel ist an sich eher zweckwidrig. Jesus will zeigen, dass solche Handlungen zu einem solchen Zwecke am Sabbat vorgenommen werden können und die heil. Sakramente vorbilden, [2Koe 5,1ff] in Naaman. - und sprach zu ihm: Gehe hin, und wasche dich in dem Teiche Siloe [Jes 8,6] wird Siloam eine Quelle, [Neh 3,15] ein Teich genannt, am Südende Jerusalems gelegen. Der im Evangelium erwähnte Teich war wahrscheinlich in einen Felsen gehauen. Der heil. Johannes erklärt den Namen typisch: der Gesandte, ein Vorbild Christi, der im höchsten Sinne der „Gesandte“ Gottes ist (Cyr., Chrys., Aug.). – (das heißt der Gesandte). Da ging er hin, wusch sich, Dieses Hingehen und Waschen beweist seinen Glauben, da er wohl wusste, dass solche Mittel an sich nicht helfen. – und kam sehend. Nach Haus, wie V. 8 zeigt. - Die Nachbarn aber, und die ihn zuvor, weil er ein Bettler war, Da er ein Bettler war, bot er häufig Gelegenheit ihn zu sehen. - gesehen hatten, sprachen: Ist dies nicht derselbe, welcher da saß und bettelte? Einige sagten: Er ist es! Andere aber: Nein, sondern er sieht ihm ähnlich. Jener aber sprach: Ich bin es! Der Streit der Juden erhebt das Wunder über jeden Zweifel. - Da sprachen sie zu ihm: Wie sind dir die Augen aufgetan worden? Wie also, wenn du wirklich der blindgeborene Bettler bist? - Er antwortete: Jener Mann, welcher Jesus genannt wird, bereitete einen Teig, und bestrich meine Augen, und sprach zu mir: Gehe hin zu dem Teiche Siloe, und wasche dich! Da ging ich hin, wusch mich, und ich sehe. Die Nachbarn haben aus Pflichteifer oder aus Furcht bei dem hohen Rat Anzeige erstattet. Der Blinde hatte nicht um Heilung gebeten, darum muss er sich allmählich in die Sachlage hineinfinden. Zuerst nennt er den Heiland jenen Menschen, dann einen Diener Gottes (V. 31), endlich den Messias (V. 36). - Und sie sprachen zu ihm: Wo ist er? Die Frage der Juden verrät bereits eine feindselige Stimmung (Cyr., Chrys.), denn da sie Jesus gut kannten, wozu wollen sie wissen, wo er ist? - Er sprach: Ich weiß es nicht. Da führten sie den, der blind gewesen, zu den Pharisäern. Es ist nicht der hohe Rat zu verstehen, denn dieser hielt am Sabbat keine Sitzungen, sondern ein Conventikel von Pharisäern. - Es war aber Sabbat, als Jesus den Teig bereitete, und ihm die Augen öffnete. Wiederum also fragten ihn die Pharisäer, wie er sehend geworden sei. Er aber sagte zu ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen, ich wusch mich, und ich sehe. Der Geheilte antwortet kurz, weil der Tatbestand den Pharisäern bereits bekannt ist. - Hierauf sprachen einige von den Pharisäern: Dieser Mensch ist nicht von Gott, da er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündhafter Mensch diese Wunder tun? Und es war eine Spaltung unter ihnen. Nach der lächerlich strengen Gesetzesauslegung der Pharisäer war die Handlung des Herrn (V. 6) eine Sabbatverletzung. - Sie sprachen also abermals zu dem Blinden: Der Streit nötigt die Pharisäer, sich wieder an den Geheilten zu wenden, um von ihm ein Urteil über Jesus zu erlangen. Die Antwort des Geheilten verwandelt die Frage der besser Gesinnten in die richtige Aussage (Cyr.). - Was sagst du von dem, der deine Augen aufgetan hat? Er aber sprach: Er ist ein Prophet! Nun glaubten die Juden nicht von ihm, dass er blind gewesen und sehend geworden sei, bis sie die Eltern des Sehendgewordenen herbeiriefen. Die Pharisäer haben von vornherein nur nach einem Anklagepunkt gesucht, um aus demselben die Verletzung des Sabbatgebotes zu beweisen. Da der Geheilte nicht nach ihrem Wunsche aussagt, wollen sie ihm nicht glauben und schlagen einen anderen Weg ein. - Diese fragten sie, und sprachen: Ist dies euer Sohn, von welchem ihr saget, dass er blind geboren ist? Wie ist er denn jetzt sehend geworden? Zwei Fragen: Euer Sohn ist angeblich blind geboren? (Sie bekunden von vornherein ihr Misstrauen.) Er ist geheilt worden? - Seine Eltern antworteten ihnen, und sprachen: Wir wissen, dass dieser unser Sohn ist, und dass er blind geboren ist; wie er aber jetzt sehend geworden ist, wissen wir nicht; oder wer ihm die Augen aufgetan hat, wissen wir nicht. Fraget ihn selbst! Er ist alt genug, er mag selber von sich reden. Die Eltern bejahen die erste Frage, der zweiten weichen sie zweimal aus, aus Furcht vor den Juden. Fraget unseren Sohn, über die Heilung kann niemand besser Auskunft geben als er selbst. - Dies sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten sich schon verabredet, jeden, der ihn als Christus bekennen würde, aus der Gemeinschaft auszuschließen. Die Pharisäer suchen tyrannisch jeden Glauben zu unterdrücken. Seit der Rückkehr aus der Gefangenschaft war an die Stelle des früheren Bannes der Synagogenbann, der Ausschluss aus der gottesdienstlichen Versammlung getreten [Esr 10,8]. Man unterschied einen niederen, auf dreißig Tage, und den von der Gemeindevertretung zu verhängenden höheren. - Darum sprachen seine Eltern: Er ist alt genug, fraget ihn selbst! Sie riefen also den Menschen, der blind gewesen, noch einmal, und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre! Der Sohn wird wieder herbeigerufen, das eingeschüchterte Wesen der Eltern soll auf ihn einwirken. „Gib Gott die Ehre!“ Vergl. [Jos 7,19]. Ehre den wahren Gott durch wahrhaftige Aussage. Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist; ein Sünder aber kann nicht Wunder wirken, also hat er keine gewirkt. Gestehe also, dass du nicht von ihm geheilt worden bist. - Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Da sprach er zu ihnen: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht; eines weiß ich, dass ich blind war, und nun sehe. Der Geheilte antwortet ausweichend, um die Juden nicht zu reizen (Chrys.). - Da sprachen sie zu ihm: Was hat er dir getan? Wie hat er dir die Augen aufgetan? Den Gründen der Pharisäer stellt der Geheilte die Tatsache entgegen. Deshalb kehren die Feinde des Herrn zu ihren früheren Fragen V. 15 zurück, in der Hoffnung, den Geheilten durch vieles Fragen irre zu machen. Dieser indes bleibt unerschütterlich. - Er antwortete ihnen: Ich habe es euch schon gesagt, und ihr habt es gehört; warum wollet ihr es noch einmal hören? Wollet etwa auch ihr Ihr fraget so sorgfältig, als ob ihr seine Jünger werden wolltet, wie ich und andere (Chrys., Cyr., Aug.). - seine Jünger werden? Der Geheilte redet ironisch (Theoph.). - Da fluchten sie ihm, Die Zumutung, Jünger Jesu zu werden, schien ihnen eine schwere Beleidigung. Sie nennen ihn einen Jünger Jesu, weil er für den Heiland redet. - und sprachen: Du Du unwissender Mensch! Tatsächlich sind sie freilich von Moses abgefallen. Vergl. [Joh 5,45ff]. - magst sein Jünger sein, wir aber sind Moses Jünger. Wir wissen, dass Gott zu Moses geredet hat; woher aber dieser ist, wissen wir nicht. Dass Moses von Gott war, wissen wir bestimmt; woher Jesus ist, wissen wir nicht. - Der Mensch antwortete, und sprach zu ihnen: Der Geheilte wird eifriger. - Das ist doch wunderbar, dass ihr nicht wisset, woher er ist, und er hat mir doch die Augen aufgetan! Wir wissen aber, dass Gott Sünder nicht erhört, Der Geheilte stellt diesen Satz als sicher und zugestanden voraus, wohl mit Rücksicht auf V. 16, V. 19ff. Nun aber hat Jesus das unerhörte Wunder getan, einen Blindgeborenen zu heilen, und zwar durch ein Gebet, das Gott erhört hat. Zu dem ersten Satze ist freilich zu bemerken, dass auch die Propheten Sünder sind, und dass, wenn der Ausspruch ganz ohne Beschränkung gelten sollte, der Sünder nicht einmal um Verzeihung seiner Sünden bitten dürfte (Aug.). Zudem, ist auch jeder Bittende ein Büßer, so ist er doch Sünder (Theoph.). Die Worte des Blindgeborenen enthalten also insofern eine Wahrheit, als sie aussagen, der Sünder bleibe ohne Erhörung, wenn er eben als Sünder, d. i. als hartnäckiger Sünder in sündlicher Absicht [Jes 59,1.2] betet (Thom.). - hingegen wenn jemand Gott dient, und seinen Willen tut, den erhört er. Von Ewigkeit her ist es nicht erhört worden, dass jemand die Augen eines Blindgebornen aufgetan hat. Wenn dieser nicht von Gott wäre, so hätte er nichts ausrichten können. Folgerung aus der Voraussetzung: Es ist ein Wunder geschehen und konnte nur von jemand gewirkt werden, der mit Gott in inniger Verbindung und Freundschaft steht. - Sie antworteten, und sprachen zu ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, Anwendung des V. 2 genannten Vorurteiles (Cyr., Chrys.). Dein eigener Leib, der Mangel des Augenlichtes, gibt ja gegen dich Zeugnis (Thom.). - und du lehrest uns? Du Blindgeborener willst uns belehren? Das gestatten wir niemand, am allerwenigsten aber einem so offenbaren Sünder! - Und sie stießen ihn hinaus. Sie werfen ihn aus dem Hause (Cyr., Aug.), der Mann folgt wohl. - Jesus hörte, Nach einiger Zeit. - dass sie ihn ausgestoßen hatten, und als er auf ihn traf, Nicht rein zufällig, doch ohne ihn gerade zu suchen. - sprach er zu ihm: Glaubst du Auch von dem geistigen Auge des Geheilten soll nun der Schleier sinken. Er sollte Jesus sehen (V. 37) nicht mehr als den bloßen Freund Gottes (V.31), sondern als den Sohn Gottes, den Erlöser Israels. - an den Sohn Gottes? Der Geheilte ahnt wohl bereits, wer Christus ist, aber er weiß es noch nicht. - Er antwortete, und sprach: Wer ist es, Herr! dass ich an ihn glaube? Und Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist es. Und du schaust ihn jetzt (Euth.). - Er aber sprach: Herr! ich glaube. Und er fiel nieder, und betete ihn an. Und Jesus sprach: Ich bin zum Gerichte in diese Welt gekommen, Das Gericht ist die Scheidung in Gläubige und Freunde, und in Ungläubige und Feinde Christi. [Lk 2,34]. Mithin widerspricht dies Wort nicht dem [Joh 3,17] und [Joh 8,15] Gesagten. Im Griech. wird zwischen dem Scheidungsgerichte und der Verdammnis durch unter sich verschiedene Worte unterschieden. - dass die Nichtsehenden sehend, und die Sehenden blind werden. Jesus bringt das Beispiel der leiblichen Blindheit zur Anwendung auf die geistige Blindheit der Umgebung. Die nichts Sehenden sind diejenigen, welche fühlen und wissen, dass sie die Wahrheit nicht besitzen, die geistig Armen [Mt 5,3]; die Sehenden sind diejenigen, welche zu sehen vermeinen, aber in der Tat die Wahrheit nicht besitzen. Diese sollen nicht nur zur Wahrheit nicht gelangen, sondern selbst den Schein der Wahrheit verlieren und durch ihre Schuld für die Aufnahme der Wahrheit unfähig werden. Vergl. [Jes 6,9, Mt 13,14] - Dieses hörten einige von den Pharisäern, die bei ihm waren, und sprachen zu ihm: Sind etwa auch wir blind? Gehören etwa auch wir zu denen, die aus Sehenden Blinde werden? - Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde; nun aber saget ihr: Wir sehen! Eure Sünde bleibt. Wenn ihr wirklich jene Kenntnis nicht besäßet, welche die, die guten Willens sind, zu mir führt, wäret ihr ohne Sünde. Nun aber gesteht ihr selbst, dass ihr jene Kenntnis habt (die Kenntnis der Schrift, die auf Christus hinweist) und dennoch glaubt ihr nicht. Wie die leibliche Blindheit keine Sünde ist, so kann auch die geistige vielleicht nach Zeit und Umständen schuldlos sein; herrscht aber die Blindheit der Sünde in einem Herzen und verschließt sich jemand um derselben willen in hochmütiger Einbildung, er sei sehend, gegen die Wahrheit, so findet er nicht Vergebung (Cyr., Theoph.).

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