Isaias 58

4. Dritte Reihe von Reden: (Kap. 58 – 66) A. Erste Rede. (Kap. 58) a. Welches Fasten ist Gott wohlgefällig? (V. 7) b. Güter, welche der Frömmigkeit zuteil werden.

Rufe, lasse nicht ab, Im Hebr. Rufe aus voller Kehle. - wie eine Posaune erhebe deine Stimme und verkündige meinem Volke ihre Frevel und dem Hause Jakobs ihre Sünden! Denn Tag für Tag fragen sie mich und wollen meine Wege wissen, wie ein Volk, das Gerechtigkeit geübt und das Recht seines Gottes nicht verlassen hat; sie fordern von mir Gerichte der Gerechtigkeit, sie wollen Gott nahen. Das Volk ist bei dem Scheine äußerer Werke mit sich recht zufrieden. Sie glauben, alles getan zu haben, wenn sie Gott nahen, d.i. den Tempel besuchen, oder besser: sie wünschen einen Rechtsstreit mit Gott und wollen, dass er ihnen Rede und Antwort stehe. Hebr.: Sie wollen das Nahen Gottes (zum Gerichte nämlich über die Feinde). - Warum haben wir gefastet, Der Prophet greift ein äußeres Werk heraus, um ihnen daran den Mangel der wahren inneren Gesinnung nachzuweisen. Im mosaischen Gesetz war nur der Versöhnungstag als Fasttag vorgeschrieben. Außergewöhnliche Fasttage wurden abgehalten wegen Landplagen [Joe 1,14], aus Trauer über erlittene Schmach [Rich 20,26], für den glücklichen Ausgang einer Angelegenheit und für Abwendung von Gefahren. [Ju 4,9; 2Chr 20,3; Jer 36] u.a. Der Herr sah ihr Fasten nicht gnädig an, weil der verkehrte Wille und das sündige Gelüste trotz desselben blieb, ebenso wie die Härte und Ungerechtigkeit gegen den Nächsten. - und du hast nicht darauf gesehen, warum haben wir unsere Seelen gebeugt und du hast uns verschmäht? Sehet, am Tage eures Fastens findet sich euer eigener Wille, und alle eure Schuldner Hebr.: Untergebene, Arbeiter. - drängt ihr. Sehet, bei Streitigkeiten und Zänkereien fastet ihr Das Fasten scheint bei ihnen nur Zank und Hader zu befördern, so weit sind sie vom wahren Bußgeiste entfernt. - und schlagt zu mit gottloser Faust! Fastet nicht wie bisher, damit euer Rufen in der Höhe Hebr.: Wie jetzt, fastet ihr nicht, um vernehmbar zu machen euere Stimme in der Höhe – d.h. wenn ihr bei Gott Erhörung finden wollt, müsst ihr in anderer Gesinnung fasten als bisher. In diesem Sinne ist auch die Vulgata zu verstehen. - gehört werde! Ist dies ein solches Fasten, wie ich es erwählt habe, wenn der Mensch sich zeitweise kasteit, etwa dass er wie im Wirbel seinen Kopf niedersenkt Damit Gott nicht das Fasten selbst zu verwerfen scheint, fügt er bei, wie zu fasten ist. Das bloß äußere Werk ist nicht das, was der Herr will. Es ist nicht genug, wenn man „wie Schilf sein Haupt beugt“ (hebr.), d.i. zum Ausdruck des Fastens den Kopf tief hängen lässt und sich so in Staub und Asche setzt. Der Herr verlangt die innere Umwandlung. - und sich in Sack und Asche hinstreckt? Wirst du das etwa Fasten nennen und einen Tag dem Herrn wohlgefällig? Ist nicht vielmehr dies das Fasten, das ich erwählt habe: Löse die Knäuel der Bosheit auf, löse die Fesseln der Bedrückung, gib die Unterdrückten frei, brich jedes Joch! Die erste Forderung ist: Lass das Böse! Wie V. 4 werden die Sünden der Ungerechtigkeit und herzlosen Härte gerügt. Die Fesseln und Bande, mit denen die Bosheit, das Unrecht, den einzelnen vielfach umstrickt hat, sind zu sprengen, insbesondere durch Aufhebung jeglicher Unterdrückung und durch die gesetzmäßige Freigebung der widerrechtlich in Sklaverei gehaltenen Brüder. Dazu kommt V. 7 die zweite Seite: Tue Gutes. - Brich dem Hungrigen dein Brot, führe Arme und Herberglose in dein Haus; wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn und verachte dein Fleisch Selbst der ärmste und verlassenste Mensch hat Anrecht auf tatkräftige Liebe kraft des in der gemeinsamen Abstammung gründenden Bruderverhältnisses. - nicht! Hiernach muss Fasten und Almosen Hand in Hand gehen. (Hier.) Wie hier diese Erweise der Nächstenliebe als Vorbereitung zum messianischen Heile (V. 8, 10) empfohlen werden, so wird derselbe Herr und Gott beim messianischen Weltgerichte sie als Maßstab anlegen. [Mt 25,34] - Dann wird gleich dem Morgen dein Licht hervorbrechen und dein Genesen gar eilends aufblühen, deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen und die Herrlichkeit des Herrn wird dich sammeln. Drei Vergleiche schildern das bevorstehende Heil. Jetzt lagert die Nacht des Unglückes, der göttlichen Strafe über dem Volke, dann wird Licht, Heil siegreich wie die Morgenröte das Dunkel verscheuchen. Jetzt ist das Volk krank, dann soll rasch Genesung und neue Lebenskraft und Lebenslust aufblühen. Jetzt ist der Pfad des Volkes durch Missgeschick und Feinde bedroht, dann aber weist die Gerechtigkeit den sicheren Pfad des Glückes und die Herrlichkeit Gottes schließt schützend den Zug. Das Licht der Herrlichkeit verscheucht und hält die Umnachtung fern, wehrt alle Feinde ab; wie dereinst beim Auszug aus Ägypten. Gerechtigkeit: vielleicht konkret: dein gerechter und dich zur Gerechtigkeit führender Heiland. - Dann wirst du rufen und der Herr wird erhören, du wirst flehen und er wird antworten: Siehe, hier bin ich! Jetzt beklagt sich das Volk, dass der Herr nicht auf sein Rufen und Fragen höre. (V. 2, 3) Ist aber die Abkehr vom Bösen und die Hinwendung zum Guten eingetreten, dann ist der Herr gleichsam des Wunsches seiner Getreuen gewärtig. - Wenn du aus deiner Mitte die Fesseln Die Fesseln sind Bild für Unterdrückung. - entfernst und aufhörst den Finger auszustrecken Die Finger ausstrecken ist Geste der Verhöhnung, bezieht sich hier also wohl auf die dem Armen und Unterdrückten noch obendrein zugefügte Schmach, auf beißenden Spott. - und zu reden, was nichts nützt. Hebr. Reden der Schlechtigkeit: alle Zungensünden, besonders die gegen den Nächsten. - Wenn du dem Hungernden dein Mitleid erschließest und die Seele des Bekümmerten sättigst, wird in der Finsternis dein Licht erglänzen und dein Dunkel zum hellen Mittage werden. Unter dieser Voraussetzung wird der Herr die Trübsalsnacht in hellen Sonnenschein des Glückes, ja zum Mittag, in den Höhepunkt des Heiles und der Beseligung, umwandeln. – Die Reihenfolge in 9b 10 ist wie oben, zuerst das negative, dann das positive Moment. - Und der Herr wird dir Ruhe geben immerdar und mit Lichtglanz deine Seele erfüllen und deine Gebeine kräftigen und du wirst sein wie ein bewässerter Garten, wie eine Wasserquelle, deren Wasser nicht versiegt. Das Glück wird als allseitiges versprochen, auch der Körper soll daran teilhaben, Krankheit, Siechtum, früher Tod werden nach dem Gesetze des Alten Bundes oft als Strafe für begangene Sünden verhängt, demnach ist die gegenteilige Lieblichkeit und Fruchtbarkeit an guten Werken, d.h. Glück und Segen schildern noch die zwei letzten Vergleiche. Wasser ist im Oriente besondere Bedingung für Leben und Gedeihen. - Und aufgebaut wird in dir werden, was von alters her wüste gelegen, und die Grundfesten für Geschlecht und Geschlecht wirst du legen; Sion wird dauernd wiederhergestellt. - du wirst ein Erbauer der Umhegungen genannt werden, ein Wegebahner zum Frieden. Infolge der inneren Heiligkeit wird das neue Volk in Sicherheit und Frieden wohnen, also in Wahrheit ein Erbauer sein von Schutz und Bollwerken (Hebr. Mauer des Risses), da es ein festes und dauerndes Gebäude aufrichtet, und „ein Wiederhersteller der Pfade zum Wohnen“ d.i. die früher betretenen, dann aber verlassenen Gegenden werden wieder bewohnt werden. - Wenn du vom Sabbate deinen Fuß zurückhältst, Gleichsam das dem Herrn geweihte Gebiet nicht mit profanem Fuße betreten, sich nicht vergreifen am Sabbat, sich abwenden vom eigenen Willen. - dass du an meinem heiligen Tage nicht tust, was dir gefällt, und wenn du den Sabbat Wonne nennst und ihn, der dem Herrn geheiligt ist, glorreich und ihn in Ehren hältst, Der Sabbat soll nicht durch Geschäfte und profane Unternehmungen, die dem eigenen Willen behagen, auch nicht durch Hader und Streit entweiht werden. Er ist positiv zu heiligen. Der Sabbat steht auch hier als der Mittelpunkt der öffentlichen Gottesverehrung. - indem du nicht deine Wege vollbringst und deinem Eigenwillen nicht frönst, dass du eitles Geschwätz führst, dann wirst du Freude haben am Herrn und ich will dich über die Höhen der Erde erheben und dich nähren mit dem Erbe Jakobs, deines Vaters. Die Verheißung weist auf die vom Herrn zu erwartende Wonne, mit der er es lohnt, wenn man seinen Tag als einen Wonnetag liebt und ehrt, sowie auf die siegreiche Erhebung und Erhöhung, mit der er sein Volk ehren will, falls dieses seinen Tag ehrt. Der Ausdruck spielt auf [5Mos 32,13] an. Das Volk soll das Land siegreich behaupten, über seine Feinde triumphierend, und die den Patriarchen gegebenen Zusagen will Gott erfüllen. Denn der Mund des Herrn hat gesprochen.

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