Richter 11

Die Bewohner von Galaad machen den zuvor von ihnen vertriebenen Jephte zu ihrem Anführer. (V. 10) B. Jephte befragt den Herrn und sendet Gesandte an die Ammoniter. (V. 27) C. Da deren Vorschläge keine Annahme finden, bringt Jephte den Ammonitern eine schwere Niederlage bei. (V. 33) Nach Haus zurückgekehrt weiht er einem vor dem Kampfe gemachten Gelübde gemäß seine Tochter dem Herrn.

Zu jener Zeit lebte Jephte, der Galaadite, ein sehr starker und streitbarer Held, Er hatte bereits glücklich gegen die Ammoniter gekämpft und so die [Rich 10,18] aufgestellte Bedingung erfüllt, so dass die Ältesten ihm, ob auch widerwillig, die Führung anvertrauen müssen. - einer Buhlerin Sohn, welcher von Galaad Nicht etwa des [4Mos 26,29] genannten. - gezeugt war. Galaad aber hatte ein Weib, die ihm Söhne gebar, welche, groß geworden, Nach dem Tode des Vaters. - Jephte hinausstießen und sprachen: Du kannst nicht im Hause unseres Vaters Erbe sein, Hebr.: du sollst nicht sein. - denn du bist der Sohn einer andern Mutter. Einer unserem Vater nicht verbundenen Mutter. - Da floh Jephte vor ihnen und mied sie Aus Zorn und Scham. - und ließ sich im Lande Tob nieder; und es sammelten sich zu ihm nichts besitzende und raubsüchtige Das zweite Adjektiv ist wohl vom Rande in der Vulgata in den Text gekommen. - Leute und folgten ihm als ihrem Anführer. In jener Zeit Hebr.: Nach einiger Zeit. - kämpften die Söhne Ammons wider Israel. Und da jene ihnen heftig zusetzten, Hebr.: Und es geschah, da die Söhne Ammons gegen Israel kämpften. - zogen die Ältesten von Galaad hin, um sich aus dem Lande Tob Jephte zu Hilfe zu holen; und sie sprachen zu ihm: Komm, werde unser Fürst und kämpfe gegen die Söhne Ammons! Er antwortete ihnen: Seid nicht ihr es, die mich gehasst Keine Nachsicht gezeigt habt. Er erstaunt und freut sich. - und aus dem Hause meines Vaters verjagt haben; und jetzt kommt ihr zu mir, durch die Not getrieben? Da sprachen die Häupter von Galaad zu Jephte: Eben darum sind wir zu dir gekommen, Hebr.: sind wir zu unserer frühern Gesinnung gegen dich zurückgekehrt. Eine höhere Auszeichnung soll dir zu teil werden als je das Unrecht gewesen. - dass du mit uns ziehest und gegen die Söhne Ammons kämpfest und Fürst über alle seiest, die in Galaad wohnen. Zuerst also wird Jephte Richter über Galaad allein. - Jephte antwortete ihnen: Seid ihr wirklich zu mir gekommen, damit ich für euch wider die Söhne Ammons kämpfe, und werde ich, wenn der Herr sie in meine Hände gibt, dann euer Fürst sein? Jephte verzeiht gern, will aber die Herrschaft nicht annehmen, wenn Gott sie ihm nicht auferlegt. Ob dies der Fall ist, will er an dem Siege erkennen. Das Fragezeichen steht in den meisten Ausgaben der Vulgata nicht. - Sie antworteten ihm: Der Herr, der dies hört, ist Mittler und Zeuge, dass wir tun werden, was wir versprechen. Da zog Jephte mit den Vornehmen von Galaad hin, und das ganze Volk machte ihn zu seinem Fürsten. Hebr.: Und zu seinem Führer. - Und Jephte redete alle seine Worte vor dem Herrn zu Maspha. Derselbe Ort wie [Rich 10,17] und [Rich 11,34]. Dort war wohl ein Altar des Herrn, wie Gedeon einen solchen zu Ephra hatte. Jephte brachte dem Herrn den von den Ältesten ausgesprochenen Entschluss feierlich dar und empfing vom Volke die Zusicherung treuen Gehorsams. - Hierauf sandte er Boten an den König der Söhne Ammons und ließ ihm in seinem Namen sagen: Was hast du mit mir zu schaffen, dass du gegen mich herangezogen bist, mein Land zu verheeren? Hebr.: anzugreifen. Du hast keine Ursache. Sollst aber dennoch eine solche zu haben vermeinen, so teile sie mit und wir werden sie beheben. - Jener antwortete ihnen: Weil Israel mein Land vom Arnon bis an den Jabok und den Jordan Bestimmter werden die Grenzen (Nord- und Südgrenze) in V. 22 angegeben. - weggenommen hat, als es aus Ägypten heraufzog; gib es mir jetzt also friedlich zurück. Jephte aber sandte sie nochmals hin und befahl ihnen, dem Könige von Ammon zu sagen: So spricht Jephte: Israel hat weder das Land Moab noch das Land der Söhne Ammons Die Moabiter waren also damals mit den Ammonitern verbündet oder ihnen unterworfen. – Moses hatte, ohne mit den Moabitern oder Ammonitern Krieg zu führen, das Land der Amorrhiter besetzt und den Stämmen Ruben und Gad zugeteilt. Vergl. [5Mos 2,37]. Die Amorrhiter wohnten damals nördlich vom Arnon, die Moabiter zwischen dem Zared und Arnon, südlich von diesem. - weggenommen, sondern als es aus Ägypten heraufzog, wanderte es durch die Wüste bis an das Rote Meer, und nach Kades gekommen, In der Wüste Sin, an der Grenze von Edom. [4Mos 20,1.16] - sandte es Boten an den König von Edom und ließ ihm sagen: Lass mich durch dein Land ziehen. Dieser aber wollte seine Bitte nicht erhören. Ebenso sandte Israel an den König von Moab; Während die Gesandtschaft an Edom [4Mos 20] berichtet wird, wird die an Moab dort nicht erwähnt. - aber auch dieser weigerte sich, den Durchzug zu gestatten. Es blieb also in Kades. und umging das Land Edom und das Land Moab seitwärts Hebr.: Und zog wieder durch die Wüste und umging das Land usw. - und kam in das östlich vom Lande Moab gelegene Gebiet und lagerte sich jenseits des Arnon; Nördlich von Arnon, dies Gebiet war den Moabitern damals nicht unterworfen. Vergl. auch [5Mos 2,9.19.24]. - und wollte in das Gebiet Moabs nicht eindringen, denn der Arnon bildet die Grenze des Landes Moab. Da sandte Israel Boten zu Sehon, dem Könige der Amorrhiter, der in Hesebon wohnte, Hebr.: Der König von Hesebon. - und ließ ihm durch diese sagen: Lass mich durch dein Land ziehen bis an den Fluss. Bis zum Jordan. Hebr. Sept.: bis an meinen Ort, bis in das mir zugewiesene Land. Vergl. [4Mos 21,19ff]. - Aber auch er verachtete Hebr.: traute nicht. - die Worte Israels und ließ es nicht durch sein Gebiet ziehen, sondern sammelte unzählbares Kriegsvolk Hebr.: das gesamte Kriegsvolk. - und zog ihm bis Jasa entgegen und stellte sich ihm in hartem Kampfe entgegen. Und der Herr gab ihn mit seinem ganzen Heere in die Hand Israels, und Israel schlug ihn und nahm das ganze Land der Amorrhiter ein, die jene Gegend bewohnten, und ihr ganzes Gebiet vom Arnon bis zum Jabok und von der Wüste bis zum Jordan. Das Gebiet, welches V. 13 der König von Ammon beanspruchte. - Der Herr also, Wenn die Ammoniter etwa sagten, rechtlich wenigstens, wenn auch nicht tatsächlich, habe ihnen jenes Gebiet gehört, so weist Jephte weiter nach, dass Jahve es den Israeliten gegeben. - der Gott Israels, hat die Amorrhiter vertilgt, als sein Volk Israel mit ihnen kämpfte, Hebr.: Nun denn Jahve, der Gott Israels, hat die Amorrhiter vor seinem Volke Israel vertrieben. - und du willst jetzt ihr Land in Besitz nehmen? Gehört dir nicht mit Recht das, was dein Gott Chamos besitzt? Was aber der Herr, unser Gott, als Sieger errungen hat, soll uns gehören. Hebr.: Nicht wahr? Wenn Kamos, dein Gott, dir etwas zum Besitze gibt, so nimmst du es in Besitz, und alle, was Jahve, unser Gott vor uns, uns zum Besitze gegeben, nehmen wir in Besitz. – Es ist ein der Auffassung der Amorrhiter angepasster Grund, ohne dass Kamos dadurch als wirklicher Gott aufgefasst wird. - Oder bist du etwa besser als Balak, der Sohn Sephors, der König von Moab; oder kannst du erweisen, dass er mit Israel gerechtet und gegen dasselbe gekämpft hat, Ein neuer Beweisgrund. Hebr.: Und nun, bist du etwa besser als Balak usw.? Hat er etwa mit Israel gestritten oder gegen sie gekämpft? – Bist du weiser als Balak in der Verteidigung der Rechte deines Volkes? Er, als Zeitgenosse Moses, musste sich über das Unrecht beklagen, wenn ihm solches angetan ward, und dessen Beseitigung fordern. Doch er schwieg. Wie soll also ein Hunderte von Jahren unbekanntes Recht jetzt geltend gemacht werden? - zur Zeit, wo es in Hesebon und dessen Dörfern, und in Aroer und dessen Dörfern, oder in allen Städten am Jordan schon dreihundert Jahre lang Runde Zahl. - ansässig war? Warum habt ihr so lange Zeit diese Rückforderung nicht versucht? Sonach vergehe ich mich nicht gegen dich, sondern du tust übel an mir, indem du mir ungerechten Zusatz der Vulgata. - Krieg ankündest. Der Herr sei Richter am heutigen Tage und entscheide zwischen Israel und zwischen den Söhnen Ammons! Durch die Tat, nicht wie andere Richter durch Worte, indem er denen den Sieg gewährt, auf deren Seite das Recht ist. - Aber der König der Söhne Ammons wollte auf die Worte Jephtes, die er ihm durch die Boten hatte sagen lassen, nicht hören. Da kam auf Jephte der Geist des Herrn, Entweder sobald er als Führer aufgestellt war oder nachdem seine Vorschläge zurückgewiesen. - und er zog durch Galaad und Manasse, Um Mannschaften zu sammeln. - auch nach Maspha in Galaad, Dort war das Lager der Hebräer. [Rich 10,17] - und zog von dort gegen die Söhne Ammons
Jephtes Tochter geht ihrem Vater entgegen
und machte dem Herrn ein Gelübde und sprach: Wenn du die Söhne Ammons in meine Hand überlieferst, so will ich den, der zuerst aus der Tür meines Hauses heraustritt und mir entgegenkommt, wenn ich in Frieden von den Söhnen Ammons zurückkehre, Hebr.: Soll dem Herrn gehören und ich werde ihm als Brandopfer, usw. - dem Herrn als Brandopfer darbringen, wer es auch sei. Jephte handelte nicht aus göttlichem Antrieb (Greg. Nyss.), wenngleich er nicht schwerer Schuld zu zeihen ist, da er als Krieger wohl voll Eifers war, aber nicht ebenso gründlich den Geist der Religion erfasste. (Theodor., Ambros., Greg. Naz.) Es stand ihm wohl Abrahams Bild vor Augen, es verblendete ihn die Gewohnheit der Menschenopfer bei den Ammonitern und Moabitern (vergl. [2Koe 3,27]), und der einzige solche verbietende Text [5Mos 12,31] konnte ihm umso mehr unbekannt sein, als die jenseits des Jordans wohnenden Stämme sich stets als weniger im Gesetze unterrichtet und heidnischen Sitten zugänglicher zeigten, ja nach [Rich 10] erst vor kurzem wieder vom Götzendienste bekehrt waren. - Hierauf zog Jephte gegen die Söhne Ammons, um gegen sie zu kämpfen; und der Herr gab sie in seine Hand. Er brachte ihnen von Aroer Aroer Gad, wie V. 26 nicht weit von Rabbath Ammon. [Jos 13,25] - bis nach Mennith hin, zwanzig Städte, und bis nach Abel, das ringsum von Weinbergen umhegt ist, eine sehr schwere Niederlage bei; und so wurden die Söhne Ammons von den Söhnen Israels gedemütigt. Als nun Jephte wieder nach Maspha in sein Haus kam, kam ihm seine einzige Tochter mit Pauken und Tanz entgegen; denn er hatte keine anderen Kinder. Als er sie sah, zerriss er seine Kleider Das Gelübde Jephtes war ein geheimes gewesen. Es sind keine Vorkehrungen getroffen, dass ihm nicht jemand begegne, an dem er seine Gelübde nicht erfüllen möchte. - und sprach: Ach, meine Tochter, du hast mich betrogen und wurdest selbst betrogen; Sept.: Du hast mich niedergebeugt, und dich zugleich mit mir. - denn ich habe meinen Mund aufgetan gegen den Herrn und ich kann nun nichts anderes tun! Sie antwortete ihm: Mein Vater! hast du deinen Mund gegen den Herrn aufgetan, so tue mir, was du immer gelobt hast, Hebr.: So tue mir, wie es aus deinem Munde gegangen. - nachdem dir Rache und Sieg über deine Feinde verliehen worden. Du hast ein Gelübde gemacht, um den Sieg davonzutragen; du hast ihn jetzt errungen, so löse dein Gelübde. -
Israelitische Frauen trauern mit Jephtes Tochter
Und sie sprach zu ihrem Vater: Dies eine nur gewähre mir, um was ich bitte; Lass mich zwei Monate hindurch auf den Bergen Die Berge werden auch sonst zur Klage aufgesucht. [Jer 31,15, Jes 15,2] - herumwandeln und meine Jungfrauschaft mit meinen Gespielinnen beweinen. Er antwortete ihr: Gehe hin! Und er ließ sie auf zwei Monate ziehen. In die zwei Monate fallen wohl die Ereignisse, welche [Rich 12,1-4] erzählt werden. Nach einigen Erklärern ward die Tochter Jephtes dem Herrn zum Dienste geweiht, was indes den Sitten der damaligen Zeit in keiner Weise entspricht. Nach Ansicht der älteren Rabbinen, Orig., Theodoret, Greg. Naz., Chrysost., Aug., Ephraem, Epiphan, Hieron., Ambros., Isidor, Beda, Thomas erfüllte Jephte sein Gelübde dadurch, dass er seine Tochter zum Brandopfer darbrachte. Der hl. Hieron., Chrysost., Theodoret u. a. meinen, Gott habe deshalb die Erfüllung nicht wunderbar, wie bei Abraham verhindert, weil er dadurch vor unbedachten Gelübden warnen wollte. Wie übrigens Jephte bei der Darbringung des Gelübdes nicht ohne Schuld war, so nicht bei der Erfüllung. Die hl. Schrift fügt keinen ausdrücklichen Tadel gegen ihn bei, um den Schatten, der auf den Streiter für Israel fällt, nicht zu vergrößern. Auch [1Mos 38] wird der Ehebruch Judas ohne Beifügung eines Tadels erzählt. Die Verwerfung solcher Taten liegt bereits in den entgegenstehenden Geboten. Die Tochter war auch im Irrtume des Vaters würdig, den Paulus wegen seines Glaubens feiert, da sie nicht so fast den Tod beklagt, als dass sie den Lohn der treu bewahrten Jungfrauschaft nicht erlangt, Nachkommen, welche den Messias sehen. - Da ging sie hin mit ihren Gefährtinnen und Gespielinnen und beweinte ihre Jungfrauschaft auf den Bergen. So auch Syr. Chald. Was die Tochter Jephtes vor allem beklagt, beklagen auch sie. Und als zwei Monate um waren, kehrte sie zu ihrem Vater zurück, und er tat an ihr, die um keinen Mann wusste, wie er gelobt hatte. Seitdem ward es Sitte und bleibende Gewohnheit in Israel, dass die Töchter Israels jährlich zusammen kommen, und die Tochter Jephtes, des Galaaditers, vier Tage lang beklagen.

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