Klagelieder 1

1. Erstes Klagelied. (Kap. 1) A. Der Prophet beweint die Verwüstung Jerusalems. (V. 11) B. Sion beweint sein Elend.

Das Volk trauert über die Zerstörung Jerusalems
Aleph. Mit diesem Buchstaben fängt im hebräischen Texte das erste Wort an. -
Wie sitzt Nach Weise der Trauernden. - so einsam die Stadt, einst an Volk so reich; wie eine Witwe Vom Herrn verworfen und seiner Fürsorge beraubt. - ist die Gebieterin der Völker geworden, die Fürstin unter den Ländern ist dienstbar geworden! Muss Frondienste leisten. Drei Dinge machen den Glanz eines Reiches aus: die Menge der Bewohner, der Ruhm des Reiches, der Vorzug des Landes. Dieser dreifache herrliche Ruhm ist in sein Gegenteil gewandelt. -
Beth.
Sie weint des Nachts In der Zeit, welcher sonst die Menschen ein wenig von Bedrängnis und Betrübnis befreit zu werden pflegen. In der Nacht leiden müssen ist besonders hart, vergl. [Job 7,13.14]. - ohne Aufhören und ihre Tränen fließen über ihre Wangen; Was Jeremia [Jer 9,1] als Wunsch ausgesprochen ist, ist hie Tat geworden. - keiner von allen ihren Lieben Die Völker, die einst ihre Freundschaft und das Bündnis mit ihr gesucht, verachten sie jetzt und verspotten sie. - tröstet sie, alle ihre Freunde haben sie verschmäht Hebr.: Haben ihr die Treue gebrochen. - und sind ihr zu Feinden geworden.
Ghimel.
Fortgezogen ist Juda vor dem Drucke und der harten Dienstbarkeit; Aus Furcht vor den Chaldäern wollen auch die übriggebliebenen Juden nach Ägypten fliehen, und gewiss flüchteten auch einige, wie ehedem, [Jer 40,11] zu den benachbarten Völkern. Doch nirgends finden sie Sicherheit und Glück, der Drohung Moses gemäß [5Mos 28,65]. - er weilt unter den Völkern und findet keine Ruhestatt; alle ihre Verfolger ergriffen sie mitten in ihren Ängsten. An Orten, wo kein Ausweg möglich war. Über die Heimsuchungen in Ägypten siehe [Jer 44,27]. Das Schicksal des Volkes ist der Schmerz der Hauptstadt. -
Daleth.
Die Wege nach Sion trauern, weil niemand zu dem Feste wallt; Sie bieten einen freudigen Anblick, wenn Festescharen auf den Wegen wallen, verlassen trauern sie. Sion ist eigentlich der höchste Berg Jerusalems, die Stadt Davids, doch wird bei den Propheten damit Jerusalem überhaupt bezeichnet. - alle ihre Tore Ihr Schmuck und ihr Schutz, der Ort der Versammlung. - sind zerstört; ihre Priester seufzen, ihre Jungfrauen härmen sich ab Priester und Jungfrauen pflegen mit Gesang und Musik die Festesfeier zu erhöhen. - und sie selbst ist von Gram überwältigt. Betrübnis und Bitterkeit ist ihr Anteil. -
He.
Ihre Feinde sind ihre Beherrscher Sind obenauf gekommen, sind im Glücke. Es ist in Erfüllung gegangen, was Moses angedroht. [5Mos 28,43ff] Wie Jeremias die Israeliten vor dem kommenden Strafgerichte gewarnt, so weist er jetzt auf Gottes Hand hin, die es verhängt hat. - und ihre Widersacher sind reich geworden, Hebr.: Ruhig, unangefochten, in voller Sicherheit. - denn der Herr hat wider sie gesprochen Besser: hat sie mit Gram erfüllt. - ob der Menge ihrer Verschuldungen; ihre Kindlein Nicht einmal diese werden verschont. - wurden in die Gefangenschaft weggeführt vor dem Dränger her.
Vau.
Gewichen ist von der Tochter Sion all ihre Herrlichkeit; Alles, was die Tochter Sion einst auszeichnete und sie bewundernswert machte, ist dahingeschwunden, nichts ist übrig als Verwüstung und Verachtung. - ihre Fürsten sind Widdern Besser: Hirschen. Diese sind das Bild der Flüchtigkeit. - gleich geworden, die keine Weide finden, und gehen kraftlos vor dem Verfolger her. Wenn selbst die Fürsten von Hunger so abgemattet sind, dass sie nicht festen Fußes vor dem Verfolger zu fliehen vermögen, welches ist da die Lage des übrigen Volkes! Der Prophet weist wohl auf die [2Koe 25,5; Jer 39,5; Jer 52,8] erwähnten Schicksale des Sedekias hin. -
Zain.
Jerusalem gedenkt der Tage ihres Elendes und des Dahinschwindens Hebr.: in den Tagen ihres Elends und ihrer Irrsal. - aller ihrer Lust, Alles dessen, womit sie einst geziert war und was ihr Glück ausmachte. - die sie in den Tagen der Vorzeit Unter David und Salomo. - gehabt, als ihr Volk durch Feindes Hand fiel und kein Helfer kam; es sehen sie ihre Feinde und spotten ihrer Sabbate. Dass jetzt ein allgemeiner Sabbat im schlimmen Sinne für das Volk eingetreten nach der Drohung [3Mos 26,34.43; 2Chr 36,21]. Hebr.: Aufhören, Feiern im angegebenen Sinne. -
Heth.
In schwere Sünde ist Jerusalem gestürzt, Der Seher beweint das Unglück mit allen. Aber es ist nicht genug zu trauern, Buße wird gefordert, deren erste Stufe die Erkenntnis und das Bekenntnis der Schuld ist. - darum ist sie unstet geworden; Nach dem Hebr. vielmehr: Wie eine Frau, die von der ekelhaftesten Unreinheit (Monatsfluss) befleckt ist. - alle, die sie hochehrten, achteten sie gering, da sie ihre Schmach schauten, Die Völker, welche sich um ein Bündnis mit Jerusalem bemüht [Jer 27,3], verachten es jetzt. - und sie selbst wendet sich seufzend ab. Vor Scham ihr Antlitz verbergend. -
Teth.
Ihr Schmutz klebt an ihren Füßen, Hebr.: Ihr Unflat klebt an den Säumen ihres Gewandes. Die Schmach ihrer Sünde ist offenbar geworden. Sie hatte nicht an den Ausgang der Sünde gedacht. Vergl. [5Mos 32,29]. - sie bedachte ihr Ende nicht, gewaltsam ist sie gestürzt Hebr.: So fiel sie wunderbar tief – alle staunen über ihren Fall. So hatte Moses bereits gedroht. [5Mos 28,59] - und hat keinen Tröster. Schaue, Herr! Jahve, Gott des Bundes (des Volkes Sache ist Gottes Sache). Dieser Name und die Überhebung der Feinde geben ihm Hoffnung, dass der Herr helfen werde. - meine Drangsal, denn der Feind erhebt sich stolz.
Jod.
Der Feind streckte seine Hand aus nach allem, was ihre Lust war; Nach allem, was kostbar war, auch den Gefäßen und Schätzen des Tempels. Vergl. [Jer 26,6]. Der Prophet begründet die Klage über den Übermut der Feinde. - ja, sie sieht die Heiden in ihr Heiligtum eingedrungen, von denen du geboten, sie sollten nicht in deine Gemeinde kommen. Sie sollten nicht in die Gemeinde aufgenommen werden. Es sind die [5Mos 23,1ff] Erwähnten. Vergl. [Ez 44,7-9]. Viele von denselben halfen wohl den Chaldäern bei der Einnahme der Stadt. [Neh 13,3] wird das angeführte Gesetz auf alle Fremden ausgedehnt. -
Kaph.
All ihr Volk seufzt nach Brot suchend; Das ganze Volk ist durch die Eroberung und Plünderung in die höchste Not gestürzt. - sie geben alle ihre Kleinodien um Speise, ihre Seele zu laben. O siehe, Herr! und schaue, wie missachtet ich geworden bin! Sion fleht, Gott wolle den Jammer seiner auserwählten Stadt nur ansehen, dann werde er ja helfen. Doch zugleich bekennt Sion im Folgenden, dass er von Gott gezüchtigt ist. Origen. Olymp. Hugo a. St. Viktore, andere wenden die Klage Jerusalems auf die menschliche Seele an. Wenn sie Gott verloren hat, ist sie gleichsam verwaist, sie, die als Fürstin einst über ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten geherrscht, ist jetzt eine Sklavin es Satans geworden, so vielen an Zeptern dienstbar, als sie Lastern ergeben ist. (Hier.) -
Lamed.
O ihr alle, Von Gott wendet sich Sion an andere. Die ersten Worte sind im Hebr. unverständlich. - die ihr des Weges vorüberzieht, schauet und sehet, ob ein Schmerz dem meinen gleich ist; denn der Herr hat Weinlese an mir gehalten, Hebr.: Wie meinen Schmerz, der mir angetan wird, mir, die Jahve betrübt hat am Tage seiner Zornesglut. – Am Tage nach der Zerstörung Jerusalems hat sich das Gericht Gottes über Israel offenbart. - wie er gesprochen am Tage seines grimmigen Zornes.
Mem.
Nieder aus der Höhe entsandte er Feuer in mein Gebein und züchtigte mich; Dieser Schmerz ist besonders deshalb so hart, weil der Zorn Gottes fortdauert, was in V. 13 – 15 in vier Bildern geschildert wird: Feuer, Netz, Joch und Ketten. Hebr. statt züchtige mich: dass es sie beherrschte, durchströmte. - er breitete ein Netz aus vor meinen Füßen Während von oben herabgesandtes Feuer die Gebeine durchströmte, legte Gott von unten den Füßen Netze, in welchen sie gefangen wurden, so dass sie dem göttlichen Gerichte nicht entgehen konnten. Das Feuer verzehrt alle Kraft, das Netz hindert sie, der Gefangenschaft zu entgehen. - und stieß mich zurück, So dass ich nicht weiter gehen konnte, sondern gefangen zurückgehalten wurde. - machte mich alles Trostes bar und immerdar vor Gram dahinsiechend.
Nun.
Ohne abzulassen drückt mich meiner Sünden Joch nieder, Wörtlich nach der Vulg.: Es ist gleichsam die Zeit des Zornes, welche so lange zu schlafen schien, erwacht. Besser hebr.: Geschirrt ist das Joch meiner Sünden durch seine Hand; es drückt mich so nieder, dass ich ohne Gottes Hilfe mich nicht zu erheben vermag. - durch seine Hand sind sie Nur er allein kann helfen. - ineinander geflochten und auf meinen Hals gelegt; meine Kraft ist gebrochen, Hebr.: Es (das Joch) hat meine Kraft gebrochen. - der Herr hat mich einer Hand preisgegeben, gegen die ich nicht standhalten kann.
Samech.
Hinweggenommen hat der Herr alle meine Helden aus meiner Mitte, hat ein Fest wider mich ausgerufen, Gott hat gleichsam ein fest verkündet zum Untergange Jerusalems und die Völker dazu eingeladen, welche er zu Verderbern Jerusalems [Jer 22,7] geweiht hat. - meine Auserlesenen Hebr.: Jünglinge. - zu vertilgen; die Kelter hat der Herr getreten über der Jungfrau, der Tochter Juda. Wie das Fest der Weinlese ein Freudenfest war für Israel, so soll dieser Tag ein Jubelfest für die Feinde sein. Jerusalems Jünglinge, die kampfestüchtigen Männer, wurden wie Trauben abgeschnitten und in die Kelter des Vernichtungsgerichtes geworfen, die Gott selbst tritt. Das gleiche Bild des Keltertretens. [Jes 63,3]. -
Ain.
Darum weine ich und mein Auge Hebr.: mein Auge, mein Auge. - zerfließt in Tränen, denn fern von mir ist der Tröster, der mein Herz erquicke; verloren Hebr.: Meine Kinder sind starr vor Entsetzen, so unglücklich, dass sie die weinende Mutter nicht trösten können. - sind meine Kinder, denn der Feind hat obgesiegt.
Phe.
Sion breitet ihre Hände aus, Weil zuvor der Herr umsonst seine Hände ausgebreitet hat, zur Umkehr rufend [Jes 65,2; Jer 25,2], breitet Sion vergeblich seine Arme aus, Hilfe und Erbarmen erflehend. - aber niemand ist, der sie tröste; entboten hat der Herr wider Jakob dessen Feinde rings um ihn her, Jerusalem ist unter ihnen einer vom Blutgang Befleckten gleich geworden. Weit entfernt, Sion Trost zu bringen, meiden sie es wie ein zum Abscheu gewordenes Weib, dessen Berührung man fliehen muss. -
Sade.
Gerecht ist der Herr, Nur die Heimsuchung gibt Einsicht. [Jes 28,19] - denn ich reizte seinen Mund zum Zorne; Denn seinem Munde (Ausspruch) trotzte ich. - höret es doch, all ihr Völker! Aller Orten und Länder. - und schauet meinen Schmerz; Es folgt, wie V. 13ff, die Aufzählung der Hauptursache dieses Schmerzes: Ihre Freude und Stolz, die Hoffnung der Zukunft, ist der Stadt geraubt (V. 18, vergl. 4. 5. 15), ihre Bundesgenossen haben ihre Erwartung getäuscht (V. 19, vergl. V. 2), die Priester, die Vertreter des Volkes vor Gott und die Vermittler seiner Gnade, die Ältesten, die Leiter der bürgerlichen Angelegenheiten, sind verschmachtet. - meine Jungfrauen und meine Jünglinge sind in die Gefangenschaft fortgezogen.
Koph.
Ich rief nach meinen Freunden, Hebr.: Buhlen. Die Völker, mit denen Israel zuvor Bündnisse geschlossen und zu deren Götzen sie so gleichsam geflohen. - doch sie täuschten mich; Wie die Ägypter. [Jer 37,6] - meine Priester und meine Ältesten sind verschmachtet in der Stadt, als sie sich Speise suchten, ihre Seelen zu erquicken. Der Erfolg der Heimsuchungen soll sein, dass Sion von aller menschlichen Hilfe verlassen zu Gott seine Zuflucht nimmt. -
Resch.
Siehe, o Herr! wie ich geängstet bin, mein Innerstes ist verstört, Hebr.: Meine Eingeweide glühen. - mein Herz kehrt sich um in mir, denn ich bin voll von Bitterkeit; Hebr.: Weil ich widerspenstig war. Draußen würgt das Schwert meine Kinder, drinnen die Seuche. (Verschiedene Arten des Todes.) - draußen mordet das Schwert, wie drinnen der Tod.
Sin.
Sie hören, wie ich seufze, doch niemand wird mein Tröster; alle meine Feinde hören von meinem Unglück, sie freuen sich, dass du es getan; Den höchsten Schmerz bereitet es Sion, dass seine Feinde es verhöhnen. - doch du bringst den Tag des Trostes herbei Hebr.: Doch du bringst sicher den Tag herbei, den du vorhergesagt – nämlich der Strafe für die Feinde. Dann werden diese die gleiche Strafe erdulden, die sie mir jetzt antun. Vergl. [Jer 50,27]. - und sie sollen werden wie ich.
Thau.
Möge all ihre Bosheit vor dein Angesicht gelangen und halte du Weinlese an ihnen, wie du an mir Lese gehalten Hebr.: und tue ihnen, gleichwie du mir getan. - ob aller meiner Verschuldungen, denn meine Seufzer sind viel und mein Herz ist siech. Grund für die Bitte, dass Gott das Elend ansehen und Sion das Mitleid schenken wolle, das die Menschen ihr versagen.

Zitiert in 7