2. Zweites Klagelied. (Kap. 2) A. Das furchtbare Gottesgericht. (V. 10) B. Wehklagen über das Elend. (V. 17) C. Aufforderung zum Gebet. Flehen zu Gott.
Aleph.
1Wie hat der Herr in seinem GrimmeDie Umstände kennzeichnen das furchtbare Strafgericht Gottes: die dichte Finsternis, das Niederwerfen vom Himmel zur Erde, der Untergang der Bundeslade. - die Tochter Sion mit FinsternisDie Finsternis ist das Bild des Unglückes. Einst bedeckte Gottes Herrlichkeit die Bundeslade in leuchtender Wolke, jetzt hat er die Stadt in Finsternis gehüllt und sie in seinem Zorne mit Sturm heimgesucht. - umhüllt! vom Himmel warf er zur Erde nieder die Zier IsraelsDie Stadt Jerusalem ist vom strahlenden Gipfel ihrer alle Städte des Reiches übertreffenden Schönheit herabgestürzt in das äußerste Elend und die schlimmste Verachtung. Die Redeweise erinnert an [Jes 14,12]. - und gedachte des Schemels seiner Füße nicht am Tage seines Zornes.Ohne Rücksicht darauf, dass er zwischen den Cherubim der Bundeslade gegenwärtig war, hat Gott Stadt und Tempel der Verwüstung des Feindes preisgegeben. – Der Schemel der Füße Gottes ist die Bundeslade, im weiteren Sinne das Heiligtum. -
Beth.
2 Ohne Schonung hat der Herr Verderben bereitet aller Anmut Jakobs;Hebr.: allen Auen Jakobs. Alle Wohnstätten sind der Drohung Jeremias [Jer 5,17] gemäß verwüstet. - er brach in seinem Grimme die Festen der Jungfrau Juda und warf sie zu Boden, entweihte das Reich und dessen Fürsten.Da der Thron Judas der Thron des Reiches Jahves war, war das Reich Gottes in besonderer Weise geweiht und seine Könige gleichsam mit heiliger Würde ausgezeichnet, die Gesalbten des Herrn. Indem Gott sie den Heiden preisgab, beraubte er sie der theokratischen Würde. [Jes 43,28] Wie in V. 1 wird die Größe des Zorngerichtes daran gezeigt, dass Gott nicht einmal verschont hat, was ihm geweiht war. -
Ghimel.
3 Zerschlagen hat er in seinem grimmigen Zorne jedes Horn Israels,Alle Kraft hat der Herr vernichtet, seine Rechte, welche bis dahin das wankende Volk hielt und beschirmte, zurückgezogen, ja er selbst ist ein zornentbrannter Feind geworden, um mit seiner sichern Hand die tötenden Pfeile abzuschießen oder das mordende Schwert zu schwingen. V. 4 vergl. [Jer 21,5]. - zurückgezogen seine Rechte vor dem Angesichte des Feindes und ein Feuer in Jakob entzündet, dessen Flamme ringsum frisst.
Daleth.
4 Er spannte seinen Bogen wie ein Feind und machte seine Rechte stark wie ein Gegner,Hebr.: er stand da mit seiner Rechten wie ein Gegner. - töteteHebr. allgemeiner: vernichtete. - alles, was der Augen Weide war in dem Gezelte der Tochter Sion, goss gleich Feuer seinen Grimm aus.Das Ausgießen ist Bild der Menge, das Feuer der Härte der Strafgerichte. -
He.
5 Der Herr ist dem Feinde gleich geworden, hat Israel gestürzt, gestürzt alle seine Mauern, zerstört seine Burgen und die Tochter Juda, Mann und Weib, mit Erniedrigung erfüllt.Hebr.: Vernichtete Israel, vernichtete alle seine Paläste, und häufte in der Tochter Juda Jammer über Jammer. -
Vau.
6 Und wie einen Garten hat er sein GezeltDoch noch beklagenswerter ist, dass nicht einmal das Heiligtum verschont ist, auf das sie ihre Zuversicht setzten. [Jer 7,4] - wüste gemacht,Hebr.: Grausam behandelte er wie einen Garten seine Hütte – d.i. wie ein unnützer und unfruchtbarer Garten zerstört wird. - seine WohnungWährend das Hebräische im ersten Gliede den Tempel als Wohnung Gottes bezeichnet, wird derselbe im zweiten Ort der Versammlung genannt. Dort teilte Gott seine Güter mit, verkehrte das Volk mit ihm. - verheert, der Vergessenheit hat der Herr in Sion Fest und Sabbat anheimgegeben,Nachdem der Tempel zerstört ist, hat der vertraute Verkehr mit Gott aufgehört. - der Schmach und seinem grimmigen Zorne hat er König und Priester preisgegeben.Hebr.: Er verwarf in seinem grimmigen Zorne König und Priester. – Wie David Schätze für den Bau des Tempels gesammelt und Salomon den Tempel gebaut, so lag wohl auch späteren Königen die Sorge ob, den Tempel zu erhalten und zu erneuern. -
Zain.
7 Verworfen hat der Herr seinen Altar, verfluchtHebr.: Verschmäht. - sein Heiligtum, in Feindes Hand die Mauern seiner TürmeHebr.: seiner Paläste, der mit dem Tempel verbundenen Gebäude. - überliefert; lautes Geschrei erscholl im Hause des Herrn, als wäre es ein Festtag.Durch das Jubelgeschrei der feindlichen Streiter im eigentlichen Heiligtume, dem Heiligen und Allerheiligsten, wird es offenbar, dass Gott den Tempel verworfen hat, wie einst das Heiligtum zu Silo. -
Heth.
8 Der Herr hat beschlossen, die Mauer der Tochter Sion zu zerstören;Zugleich mit dem Heiligtum ist auch die heilige Stadt zerstört und verbrannt. [2Koe 25,9; Jer 52,13] - er spannte seine MessschnurDamit die Zerstörung auf das vollkommenste vollbracht werde, hat er die Messschnur der Verwüstung ausgespannt. - und zog seine Hand nicht ab vom Vertilgen,Die einst den Niniviten erwiesene Gunst, dass er die Stadt nicht zerstörte, erwies er Sion nicht. - in Trauer ist das Vorwerk versetzt und die Mauer ist zumal eingestürzt.Hebr.: Er versetzte in Trauer Wall und Mauer, miteinander liegen sie kläglich da. -
Teth.
9 In den Boden gesunken sind ihre Tore,D.i.: unter dem Schutt. An den Toren wurden Gericht und Versammlungen gehalten. Die Stärke der Tore bedingt die Sicherheit der Stadt; darum wird ihnen eine besondere Trauer zugeschrieben. - verdorben und zerbrochen hat er ihre Riegel, ihr König und ihre Fürsten sind unter den Völkern, nicht ist das Gesetz mehr da und ihre Propheten erlangen kein Gesicht mehr von dem Herrn.Wie Gott die äußeren Mauern des Reiches zerstört hat, so hat er auch den König und die Fürsten zu fremden Völkern vertrieben. Aufgehoben ist die Königswürde, die bürgerliche und priesterliche Ordnung aufgelöst, das ganze Reich der Vernichtung anheimgegeben. Zum Zeichen dessen und zum Zeugnis des Zornes Gottes empfangen auch die Propheten kein Gesicht mehr von Gott, mit dem sie das elende Volk der Weggeführten trösten könnten. Da diese zuvor den Mahnungen der Propheten nicht haben gehorchen wollen, werden ihnen jetzt die Weissagungen derselben entzogen. Dass diese Entziehung freilich nicht allzulange dauert, ist aus [Jer 42,4] zu schließen, abgesehen davon, dass Ezechiel und Daniel gleichfalls in Babylon waren; doch gerade in der trostlosen Zeit der Zerstörung gewährte Gott dem Volke keine Weisung durch die Propheten. -
Jod.
10 Es sitzen am Boden schweigend die Ältesten der Tochter Sion, sie haben Asche auf ihre Häupter gestreut, sich mit Trauergewändern umgürtet, zur Erde senken ihr Haupt die Jungfrauen Jerusalems.Zwei Stände werden besonders hervorgehoben, deren Betrübnis vor anderen zum Mitleide stimmt, der durch ihr Alter ehrwürdigen Greise und der Blüte der Jugend. Einst wurden die Töchter Sions vergeblich getadelt, dass sie stolz einherschritten und mit eitlem Prunke prahlten, jetzt geht an ihnen in Erfüllung, was Gott ihnen gedroht. [Jes 3,16-4,1] -
Kaph.
11 Dahin schwinden meine Augen vor Tränen, mein Inneres ist erschüttert, meine LeberDie Leber galt als Sitz der Lebenskraft. Schon verliert er sein Leben vor Trauer. - ergießt sich auf die Erde über die Vernichtung der Tochter meines Volkes, da Kind und Säugling verschmachtet in den Straßen der Stadt.Wen sollte das Leiden der unschuldigen Kinder nicht rühren? Das Bild ist der letzten Zeit der Belagerung entnommen. [2Koe 25,3; Jer 52,6] -
Lamed.
12 Zu ihren Müttern sprachen sie: Wo ist Brot und Wein? da sie verschmachteten, tödlich Verwundeten gleich, in den Straßen der Stadt, ihr Leben aushauchend in ihrer Mütter Schoß.
Mem.
13 Womit soll ich dich vergleichen?Hebr.: Was für ein Zeugnis soll ich von dir geben? Nämlich, dass es deinem Elende entspricht. - Oder was soll ich dir ähnlich finden, Tochter Jerusalem? Was soll ich dir gleichstellen, dass ich dich tröste, Jungfrau, Tochter Sion? Denn groß wie das Meer ist dein Elend, wer kann dich heilen?Die Heftigkeit seiner Trostlosigkeit begründen zwei Umstände, will sie nicht zu fassen ist und weil sie kein Heilmittel zulässt. Das erstere ist der Fall, da kein anderer Schmerz diesem an Schärfe und an Stärke verglichen werden kann, so wenig wie irgend ein Wasser mit dem Meere, ja, wie alle Flüsse sich in das Meer ergießen, so hat Juda alle Übel zugleich erdulden müssen. -
Nun.
14 DeineDie Propheten, welche das Volk, obwohl sie nicht von Gott gesandt waren, durch sein Lob, seinen Beifall und Belohnungen dazu brachte, zu weissagen. - Propheten erschauten dir Trug und TorheitHebr.: Ungesalzenes, Verderbliches, das nicht mit dem Salze der Wahrheit gewürzt war, sondern das vielmehr Überdruss weckt. Warum? sie rügten die Sünden des Volkes nicht. Vergl. [Jer 23,14.17.18] Wären sie wahre Propheten gewesen, so hätten sie das Volk von seiner Bosheit abzuwenden gesucht, [Jer 23,22] hebr., und es vor der Gefangenschaft bewahrt. - und deckten deine Verschuldung nicht auf, um dich zur Buße zu bewegen,Um deine Gefangenschaft zu wenden. - sondern erschauten dir SprücheHebr.: Lasten: Sprüche voll Trug, indem sie den Feinden, welche wagen würden die Stadt anzugreifen, Unglück voraussagten, Weissagungen, welche zuletzt nur das herbeiführten, dass das Volk in die Verbannung geschleppt wurde. Sprüche des Truges: [Jer 27,10-15] und [Jer 28,2.11]. Der Verstoßung: [Jer 37,18]. - des Truges und der Verstoßung.
Samech.
15 Es schlagen über dir die Hände zusammen alle, die des Weges vorüberziehen, sie zischen und schütteln ihr Haupt über die Tochter Jerusalem:Zum Ausdrucke des Spottes und Hohnes. Wie die Völker zuvor Jerusalem um sein ihm von Gott verliehenes Glück beneideten, so jubeln sie nun über dessen Untergang. - Ist das die Stadt, sprechen sie, der Schönheit Vollkommenheit, die Wonne der ganzen Erde?
Phe.
16 Es reißen über dich ihren Mund aufDich verhöhnend und verwünschend. - alle deine Feinde, sie zischen und knirschen mit den ZähnenWütend und höhnend. - und sprechen: Lasset uns verschlingen!Hebr.: Wir haben verschlungen. Sie rühmen sich, dass sie bei der Zerstörung der Stadt mitgeholfen. Vergl. [2Koe 24,2] - sehet, dies ist der Tag, auf den wir gewartet, wir haben ihn erlebt, wir haben ihn geschaut.
Ain.
17 So hat der Herr ausgeführt, was er beschlossen, er hat sein Wort erfüllt, das er von den Tagen der Vorzeit her entboten;[3Mos 26,29ff; 5Mos 28,36ff; 5Mos 32,24ff]. Ebenso kündeten die Propheten Osee, Amos, Isaias und Michäas die Wegführung voraus. Doch da es der Herr ist, der Untergang und Züchtigung gesendet, ist auch Hoffnung auf Vergebung da, wie die Weissagungen verheißen. - er hat zerstört ohne Schonung, hat den Feind über dich frohlocken lassen und das Horn deiner Bedränger erhöht.
Sade.
18 Ihr Herz ruft zum Herrn ob der Mauern der Tochter Sion:Der Schmerz, als dessen Urheber sie den Herrn kennen, mahnt sie beständig, dem Herrn ihr Leid zu klagen. Hebr.: Mauer der Tochter Sion, lass dem Bache gleich rinnen Tränen Tag und Nacht! - Lass einem Strome gleich Tränen fließen Tag und Nacht, gönne dir nicht Ruhe und dein Augapfel raste nicht!
Koph.
19 Auf, rufe laut durch die NachtIn der sonst die Menschen zu ruhen pflegen. - beim Anfange der Nachtwachen, schütte wie Wasser dein Herz vor dem Antlitze des Herrn aus,Voll und ganz, nichts darin bewahrend. - hebe zu ihm deine Hände emporRufe ihn innigst um Hilfe an. - fürSo dass Gott mit Rücksicht auf die grausamen Schmerzen, welche die Herzen der Eltern bereits zerreißen, sich erbarmt. - das Leben deiner Kindlein, die vor Hunger verschmachten an den Ecken aller Straßen!
Resch.
20 Siehe, o Herr! und schaue,Der Aufforderung V. 19 entsprechend, schüttet Sion sein Herz vor dem Herrn aus. - an wem du also Weinlese gehalten!Vergl. [Klagel 1,22]. Hebr.: Wem hast du so übel getan? Nicht Fremden, sondern deinem auserwählten Volke, deinem Erbe, das du mit so herrlichen Verheißungen begnadigt. - Sollen denn die Weiber ihre Leibesfrucht essen, Kindlein eine Spanne lang?Hebr.: Kindlein ihrer Pflege. - Soll im Heiligtume des Herrn gemordet werden Priester und Prophet?Was in der Tat geschehen, wird so erwähnt, dass sie schmerzerfüllt Gott fragen, ob er nicht das Maß der Strenge überschritten, da er sie von solchem Unglücke heimsuchen ließ. Dass sie ihre Leibesfrucht essen werden, war ihnen von Moses bereits als höchste Strafe vorausgesagt [5Mos 28,53ff]; dass dies bei der Belagerung Jerusalems durch die Chaldäer eingetreten, zeigte [Klagel 4,10; Baru 2,3]. -
Sin.
21 Es liegen zu Boden in den Straßen Knabe und Greis, meine Jungfrauen und meine Jünglinge sind durch das Schwert gefallen, du hast gewürgt am Tage deines Grimmes, hast erschlagen ohne Erbarmen!Ohne Schonung für Alter und Geschlecht sind die Einwohner dem Blutbade anheimgefallen. -
Thau.
22 Du beriefst, wie zu einem Festtage, die, welche mich schrecken sollten ringsum und niemand war am Tage des Grimmes des Herrn, der entrann und übrigblieb; die ich gepflegt und großgezogen, mein Feind hat sie vernichtet.Dieser Anblick wird Gott, so hofft Sion, zum Mitleid bewegen.