4. Viertes Klagelied. (Kap. 4) A. Größe des Unglückes im Vergleich zu dem früheren Glücke. (V. 10) B. Ursachen der Strafen.
Aleph.
1O wie ist das Gold verdunkelt,Einst war das Volk das Erbe Gottes und ein priesterliches Reich. [2Mos 19,5.6] Gott hatte es erhöht. [Jer 3,19; Jer 13,11] Doch wie anders ist jetzt sein Zustand durch die Belagerung und Eroberung seitens der Chaldäer! (Ephr., Theod., Thom.) - verändert der schönste Glanz!Synonymum von Gold. Die Erklärung des Bildes folgt in V. 2. - Zerstreut liegen die Steine des Heiligtums an der Ecke aller Straßen.
Beth.
2 Sions Söhne, die gefeierten, die mit dem feinsten Golde bekleidet waren,Hebr.: die teuren (kostbaren), dem Golde gleich geschätzten. – Kostbar bezieht sich auf die heiligen Steine im Brustschilde des Hohenpriesters, gleichgeschätzt auf das Gold. (V. 1) - wie sind sie irdenen Gefäßen gleichgeachtet, dem Gebilde von des Töpfers Hand!Wie verächtliche Gefäße weggeworfen. Erinnerung an die Weissagungen [Jer 18,4.6ff; Jer 19,10, Jer 22,28] -
Ghimel.
3 Selbst die UngeheuerHebr.: die Schakale. - reichen ihre Brüste und säugen ihre Jungen;An die Stelle des früheren Überflusses ist die bitterste Not getreten, Sion kann ihre Söhne nicht mehr ernähren, ist gezwungen, grausamer gegen sie zu sein als die wilden Tiere, welche doch ihre Jungen nähren. - die Tochter meines Volkes ist grausamDer Stimme der Natur vergessend und nicht vermögend, ihr zu gehorchen. - wie der Strauß in der Wüste.Der Strauß lässt die Eier, die er gelegt, im Sande der Wüste liegen. Vergl. [Job 39,15]. -
Daleth.
4 Es klebt des SäuglingsEr beginnt mit denen, deren Elend am ehesten Mitleid erregt, den unschuldigen Kindern. - Zunge vor Durst am Gaumen, die Kindlein heischen Brot und niemand ist, der es ihnen breche.Das Brot wurde in runden Scheiben gebacken. -
He.
5 Die sonst Leckerbissen aßen, verschmachten auf den Gassen; die man in Scharlach hegte,Hebr.: trug. - umklammern den Schmutz.Greifen gierig nach dem Schlechtesten und finden im Schmutze ihre Ruhestatt. Woher dieser Umschwung? Die Antwort gibt V. 6. Die Größe des Unglückes ist ein Spiegelbild der Größe ihrer Schuld. -
Vau.
6 Höher ist die Schuld der Tochter meines Volkes gewachsen als Sodoms Sünde, das in einem Augenblick umgekehrt ward, ohne dass eine Hand darüber kam.Besser war das Schicksal Sodomas, weil dessen Sünde auch geringer war. Ein plötzlicher Untergang ist wie ein plötzlicher Tod mit weniger Leiden verbunden; besonders aber sind jene schrecklichen Dinge fern, die hier genannt werden. Vergl. [Mt 10,15; Mt 11,24; Lk 10,12]. Die Juden hatten das Gesetz und Propheten mahnten sie unaufhörlich, Gott treu zu bleiben oder zu ihm zurückzukehren. -
Zain.
7 Heller als Schnee strahlten ihre Nazaräer,Ihre Auserwählten, besonderer Ehre Würdigen, die Fürsten und Priester. - weißer als Milch, rötlicher schimmernd als altes Elfenbein,Hebr.: Rötlicher am Leibe als Korallen, Saphir war ihre Gestalt (eigentlich. Ihre Ausschneidung, als ob sie aus Saphir ausgeschnitten wären). - schöner als Saphir.
Heth.
8 Nun ist ihr Aussehen schwärzer geworden als KohlenHebr.: Als Schwärze. - und man erkennt sie nicht auf den Straßen, ihre Haut klebt an ihrem Gebein, sie ist ausgedörrt und wie Holz geworden.
Teth.
9 Besser erging es denen, welche durch das Schwert fielen, als denen, welche der Hunger tötete; denn diese starben langsam dahin, dahinschmachtend ob der Unfruchtbarkeit des Feldes.Hebr.: die dahinschmachten (gleichsam vor Hunger und Abzehrung), durchbohrt vom Mangel an des Feldes Früchten. -
Jod.
10 Sonst weichherzige Frauen kochten mit eigenen Händen ihre Kinder, sie wurden ihre Nahrung bei der Zerstörung der Tochter meines Volkes!
Kaph.
11 Vollendet hat der Herr seinen Grimm, ausgeschüttet die Glut seines ZornesDie Ursache ist V. 6 angegeben. Das Unheil hatte Jeremias mehrfach vorhergesagt, z.B. [Jer 4,4] - und hat ein Feuer in Sion entzündet, das dessen Grundfesten verzehrte.Wie Gottes Zorn die Stadt in Flammen gesetzt, wird in dem Gesichte Ezechiels [Ez 10,6] erklärt. Die hier eintretende Strafe hatte Gott [5Mos 32,22] angedroht. -
Lamed.
12 Nicht hätten die Könige der Erde und alle Bewohner des Erdkreises geglaubt, dass Widersacher und Feind in die Tore Jerusalems eindringen werde:Auf Jerusalem hatte Gott sein Herz und seine Augen auf ewig richten wollen. [1Koe 9,3] -
Mem.
13 Um der Sünden ihrer ProphetenDer falschen. Über die falsche Zuversicht der Juden siehe [Jer 7,4ff; Jer 26,8] und [Jer 21,13]. Die Stadt war ihrer Lage nach fest [2Sam 5,6], dazu von Ozias, Joatham, Manasses noch befestigt. [2Chr 26,9; 2Chr 27,3; 2Chr 33,14] Die Heiden wussten, dass Gott den Tempel oft wunderbar eingreifen geschützt und die Feinde gestraft. [2Koe 19,35; 2Chr 20,22ff; Ps 45,47] - willen, ob der Missetaten ihrer Priester, die das Blut der Gerechten in seiner Mitte vergossen.Falsche Propheten und Priester waren wohl auch Mitschuldige der Morde unter Manasses und seiner Bosheit. -
Nun.
14 BlindEs ist von denselben Personen die Rede wie in V. 13. Sie sind blind vor Leidenschaft und Wut gegen die Frommen. - irrten sie auf den Straßen umher, mit Blut befleckt; und da sie es nicht vermochten, hielten sie ihre Säume fest.Hebr.: so dass man ihre Kleider nicht anzurühren vermochte – derart waren sie von Blut befleckt. Vulg.: Die Kleider der Propheten und Priester wurden überall von Blut besudelt, und da sie nicht zu gehen vermochten, ohne jene in Blut zu tauchen, hielten sie die Säume zusammen. -
Samech.
15 Zurück, Befleckte! rief man ihnen zu; zurück, hinweg, streifet nicht an!Dem den Aussätzigen vorgeschriebenen Rufe entsprechend. [3Mos 13,45] - So bedrohte und verstieß man sie und sprach unter den Völkern: Nicht ferner mehr soll jemand unter ihnen weilen!Hebr.: Wenn sie flüchteten, wankten sie umher… Man sagt unter den Völkern: Sie dürfen nicht länger weilen. – In Furcht und Schrecken schweifen sie unstet bald hierhin, bald dorthin, der Drohung [5Mos 28,65] gemäß. -
Phe.
16 Des Herrn Blick hat sie zerteilt, nicht schaut er ferner auf sie; denn sie haben das Angesicht der Priester nicht geachtet und kein Erbarmen gehabt mit Greisen.Nicht mehr sieht der Herr sie gnädig an, sondern verlässt sie und überliefert sie der Wut ihrer Feinde, die weder für die Priesterwürde Ehrfurcht, noch für das Alter Achtung kennen. -
Ain.
17 So lange wir noch bestanden, schauten unsere Augen nach eitler Hilfe für uns aus; wir blickten sehnsüchtig aus nach einem Volke, das nicht helfen konnte.Wie der Prophet in V. 6 die Bosheit des Volkes, in V. 13 die Sünden der Priester und falschen Propheten angeklagt hat, so tadelt er jetzt jenes verhängnisvolle Vertrauen, das sie auf menschliche Hilfe gesetzt. So zeigt er die wahre Ursache des Unglückes, ist doch diese Erkenntnis der erste Schritt zum Heile. Wie oft hat er das Volk vergeblich vor den Bündnissen mit auswärtigen Völkern, insbesondere mit den Ägyptern, gewarnt (solange wir noch bestanden: solange Sion noch nicht erobert war). Wenigstens jetzt mögen sie, durch die Erfahrung belehrt, ihre Torheit bekennen! -
Sade.
18 Unsere Schritte glitten aus, da wir in unsern Straßen wandelten,Hebr.: Sie stellten unseren Schritten nach, dass wir nicht gingen auf unseren Straßen. – Die Chaldäer, welche die Stadt umschlossen hielten, machten wie Jäger, dass der König und die Fürsten nicht etwa entflohen. Nun erkannten die Juden, dass ihr Reich ein Ende habe. - nahe ist unser Ende; unsere Tage sind um, denn unser Ende ist gekommen!
Koph.
19 Schneller waren unsere Verfolger als die Adler unter dem Himmel, über die Berge hin setzten sie uns nach, in der Wüste lauerten sie uns auf.Erinnerung daran, wie vergeblich es war, dass Sedekias und die Fürsten zu fliehen versuchten. Die Schnelligkeit der Chaldäer ereilte sie. Die Worte rufen die Drohung [5Mos 28,49; Jer 4,13] ins Gedächtnis zurück. Sedekias floh nach Jericho zu, auf diesem Wege waren Hügel und Täler. In der Wüste bei Jericho wurde Sedekias ergriffen. -
Resch.
20 Der Odem unseres Mundes, der Gesalbte, der Herr, ist ob unserer Sünden Gefangener,Hebr.: Der gesalbte Jahves ward in ihren Gruben gefangen. – Er war gleichsam ihr Lebenshauch. Sie hofften, er werde zu fremden Völkern entkommen und sie dann dort unter seinem Schutze (Schatten) ein ruhiges Leben führen können. - er, zu dem wir sprachen: In deinem Schatten werden wir leben unter den Völkern.
Sin.
21 Freue dich und frohlocke, Tochter Edom,Ironisch. - die du im Lande Hus wohnst! auch an dich wird der Kelch kommen, du wirst trunken werden und entblößt.Auch an dich wird die Reihe kommen, den Zornkelch Gottes zu trinken, er wird dich berauschen, vergl. [Jer 25,27], gefangen und beraubt wirst du trauern. Über das Land Hus siehe [Jer 25,20; Job 1,1]. Edom stellt dar, was alle Feinde Gottes und seines Reiches treffen soll. Doch während diese dahinsinken, geht für das Volk Gottes die Hoffnung auf. -
Thau.
22 Zu Ende ist deine Verschuldung,Für dich ist von Gott ein Ende für Schuld und Strafe gesetzt. Vergl. [Jer 30,3 - Jer 31]. Doch Edoms Strafe wird zeigen, wie furchtbar es gesündigt. So schließt auch dies Lied mit der Niederlage der Feinde Gottes und dem Triumphe seines Volkes. Tochter Sion! nicht wird er dich ferner wegführen lassen; deine Verschuldung, Tochter Edom! wird er heimsuchen, deine Sünden aufdecken.