Das Gleichnis vom Sämann (V. 20) und andere Gleichnisse vom Reiche Gottes. (V. 34) Die Stillung des Seesturmes.
1Und er fing abermalsWie [Mk 2,13] und gewiss auch [Mk 3,7], obwohl an letzter Stelle nur Heilungen berichtet werden. - an, am Meere zu lehren; und es sammelte sich zu ihm eine großeGriech.: Sehr zahlreiche Schar. Ein Fortschritt gegen [Mk 3,7.8]. - Schar, so dass er in das Schiff stieg, und so auf dem Meere saß, das ganze Volk aber war auf dem Lande am Meere entlang.2 Und er lehrteOft. Von den sieben bei [Mt 13] wiedergegebenen Gleichnissen berichtet Markus nur zwei, ein drittes sonst nirgends erwähntes V. 26 hinzufügend. - sie vieles in Gleichnissen, und sprach zu ihnen in seiner Lehre:Unter dem, was er lehrte, war auch dieses Gleichnis. -3 Höret! Siehe, es ging der Säemann aus, zu säen.4 Und indem er säte, fiel einiges an den Weg hin; da kamen die Vögel des Himmels und fraßen es auf.5 Einiges fiel auf den felsigen Grund, wo es nicht viel Erde hatte; es ging zwar sogleich auf, weil es keine tiefe Erde hatte;6 als aber die Sonne aufging, wurde es versengt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.7 Und einiges fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen auf, und erstickten es, so dass es keine Frucht gab.8 Einiges aber fiel in gutes Erdreich und brachte Frucht, welche aufging und sich mehrte, so dass eines dreißigfältig, eines sechzigfältig, eines hundertfältig trug.Bei Matthäus umgekehrt: Hundertfältig, sechzigfältig usw. In der Sache stimmen beide Evangelisten überein. Die aufsteigende Ordnung bei Markus ist natürlicher, weil Jesus etwas Großes schildern will. -9 Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!Wer in sich das Verlangen fühlt, aus diesem Gleichnisse Nutzen zu ziehen, vernachlässige die Einladung der göttlichen Gnade nicht. -10 Und als er allein war, fragten ihn die zwölf, die um ihn waren, über dieses Gleichnis.Nach [Lk 8,9, Mt 13,10] stellten sie noch eine andere Frage. Griech.: Welche mit den zwölf bei ihm waren, also waren außer den Aposteln auch noch andere Jünger da. -11 Und er sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben,Vom himmlischen Vater bestimmt, denn die Jünger glauben und sind besorgt um das Verständnis. Siehe [Mt 13,16] - das Geheimnis des Reiches Gottes zu verstehen; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen vorgelegt,12 damit sie es mit Augen schauen, und doch nicht sehen, und mit Ohren hören, und doch nicht verstehen; damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen die Sünden vergeben werden.13 Und er sprach zu ihnen: Verstehet ihr dieses Gleichnis nicht, wie werdet ihr dann alle Gleichnisse verstehen?Diese Frage führt die Jünger auf das zurück, um was sie V. 10 gebeten. Sie enthält keinen Tadel, sondern soll die Aufmerksamkeit der Jünger auf das lenken, womit das Gespräch V. 10 begonnen hat. Ihr versteht dieses Gleichnis nicht und wisst überhaupt nicht, wie ihr die Gleichnisse (V. 2) verstehen sollt? – Durch dieses Gleichnis werden die Apostel belehrt, dass die Verkündigung des Evangeliums nicht bei allen Hörern jene Früchte tragen wird, welche es seiner inneren Kraft nach hervorbringen sollte. So werden die Apostel bei ihrer Tätigkeit nicht den Mut verlieren. Zugleich werden ihnen die Gründe gezeigt, weshalb ihre Predigt bei manchen unfruchtbar bleibt, damit sie die geeigneten Gegenmittel anwenden können. Endlich erkennen sie, dass sie selbst von denen, welche Frucht tragen, nicht das gleiche Maß erwarten und fordern dürfen. -14 Der Säemann sät das Wort.Das Wort Gottes. –15 Jene aber am Wege sind diejenigen, welche, wenn das Wort gesäet wird, es zwar hören; dann kommt aber sogleich der Satan, und nimmt das Wort hinweg, das in ihre Herzen gesät ist.16 Desgleichen sind auch die, welche auf felsigen Grund gesäet werden; wenn diese das Wort gehört haben, nehmen sie es alsbald mit Freuden auf;17 sie haben aber keine Wurzel in sich, sondern sind unbeständig; und wenn dann Drangsal und Verfolgung um des Wortes willen entsteht, so nehmen sie alsbald Anstoß.Die erste Ursache des mangelnden Erfolges ist der Satan (V. 15), die zweite die Welt mit ihren Verfolgungen (V. 17), die dritte das Fleisch. (V. 19) –18 Die anderen, die unter die Dornen gesäet sind, das sind die, welche zwar das Wort hören,19 aber die Sorgen der Welt, der TrugDer Reichtum verspricht, was er nicht geben kann: Zufriedenheit und festen Besitz und zieht den Willen vom Streben nach dem Heile ab. – des Reichtums, und die Begierden nach den übrigen DingenEhrsucht, Rachsucht, Vergnügungssucht usw. Also auch wenn jemand sein Leben nach den Vorschriften des Evangeliums eingerichtet hat, ist er noch nicht sicher. - schleichen sich ein, und ersticken das Wort, so dass es ohne Frucht bleibt.20 Die endlich auf ein gutes Erdreich gesäet sind, sind die, welche das Wort hören und auffassen, und Frucht bringen lassen, eines dreißigfältig, eines sechzigfältig, und eines hundertfältig.21 Und er sprach zu ihnen: Bringt man etwa das Licht, damit es unter den Scheffel gestellt werde oder unter das Bett? Und nicht vielmehr, damit es auf den Leuchter gestellt werde?Das Licht des Evangeliums wird von Christus entzündet, damit die Apostel durch dasselbe die Finsternisse der Welt zerstreuen. -22 Denn nichts ist verborgen, was nicht offenbar würde; und nichts geschieht heimlich, sondern damit es an den Tag komme.Der Herr will, dass das, was er tut, seiner Zeit offenbar werde, ganz besonders das Geheimnis des Reiches Gottes. -23 Wer Ohren hat zu hören, der höre!Erwäget wohl, eine wie heilige Pflicht euch obliegt, und bereitet euch in meiner Schule recht vor, dieselbe zu erfüllen. -24 Und er sprach zu ihnen: Habet acht, was ihr hört! Mit dem Maße, mit welchem ihr messet, wird euch wieder gemessen werden, und es wird euch noch darüber gegeben werden.Gott wird euren Eifer reich belohnen. -25 Denn wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen werden.Sprichwort. Leicht mehrt der Reiche seinen Reichtum, wie der Arme leicht immer ärmer wird. So viel jemand für das Wort Gottes Empfänglichkeit zeigt, wird seine Erkenntnis zunehmen, der Lässige verliert auch die geringe Erkenntnis, die er besitzt (Bitt., Theoph., Euth.). -26 Er sprach auch:Zu dem Volke. - Mit dem Reiche GottesMit der Kirche. - ist es, wie wenn ein Mensch Samen auf das Land streut.27 Er mag schlafen, oder aufstehen bei Tag und bei Nacht, der Same keimt und wächst auf, ohne dass er es wahrnimmt.Er ist um den Samen nicht besorgt, da er weiß, dass derselbe wachsen wird. -28 Denn die Erde trägt von selbst Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, endlich die volle Frucht in der Ähre.29 Und wenn sie die Früchte hervorgebracht hat, so legt er alsbald die Sichel an, weil die Ernte da ist.Die Begründung und die Vollendung der Kirche will der Heiland selbst sichtbar vornehmen. Das Wachstum verleiht er durch seine unsichtbare Gegenwart. Nachdem er den Samen ausgestreut, fährt er gen Himmel (Theoph.). Die Kirche muss wachsen bis zum Ende. Der dreifache Stand der Pflanze ist auch das Bild der anfangenden, fortschreitenden, vollkommenen christlichen Seele (Greg.). -30 Und er sprach: Womit werden wir das Reich Gottes vergleichen, oder unter welchem Gleichnisse sollen wir es darstellen?Diese Frage regt die Aufmerksamkeit an. -31 Es ist wie ein Senfkörnlein, welches, wenn es in die Erde gesäet wird, das kleinste unter allen Samenkörnern ist, die auf Erden sind;Siehe [Mt 13,Anm.28]. Die Kirche hatte bei ihrem Beginne nur 120 Glieder. -32 nachdem es aber gesäet ist, wächst es empor, und wird größer als alle Kräuter, und treibt so große Zweige,Vergl. über das rasche Wachstum der Kirche [Apg 2,41.47, Roem 1,8, 1Thes 1,8] Wie die Kirche, so soll auch der einzelne Christ stets wachsen (Vinc. Lir.). – dass die Vögel des Himmels unter seinem Schatten wohnen können.33 In vielen solchen Gleichnissen redete er zu ihnen das Wort, so wie sie es zu hören vermochten.Sie waren nicht geeignet, die wahre Natur des Reiches Gottes zu erfassen, wie schon der Umstand beweist, dass sie den Heiland nicht nach dem Sinne der Gleichnisse fragen. Ohne Zweifel enthielt das Gleichnis vom Sämann auch so Lehren, doch erlangte das Volk nicht den vollen von Christus beabsichtigten Nutzen. -34 Und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen;Damals. - wenn sie aber allein waren, legte er seinen JüngernDen in V. 10 bezeichneten. - alles aus.35 An demselben Tage,Da die Jünger aus der Rede des Herrn die Beschaffenheit des Reiches Gottes kennengelernt, festigt der Heiland jetzt in ihnen den Glauben durch Wunder. - da es Abend geworden war,Es ist der Tag, an welchem Christus das Gleichnis vom Senfkorn vorgelegt. - sagte er zu ihnen: Lasset uns hinüberfahren an das andere Ufer!36 Sie entließen also das Volk, und nahmen ihn mit sich, so wie er im Schiffe war;Sofort. - es waren auch noch andere Schiffe mit ihm.Wohl Schiffe, welche zu den Aposteln in Beziehung standen. -37 Und es erhob sich ein großer Sturmwind und warf die Wellen in das Schiff, so dass es voll Wasser wurde.38 Er aber war auf dem HinterteileDieser Teil des Schiffes ist ruhiger. Dies ist die einzige Stelle im Evangelium, an der uns berichtet wird, dass Jesus schlief. Wohl war Jesus erschöpft und ihm so der Schlaf notwendig, doch ließ er ihn auch zu, damit das folgende Wunder desto augenfälliger war. - des Schiffes, und schlief auf einem Kissen. Da weckten sie ihn auf, und sprachen zu ihm: Meister! liegt dir nichts daran, dass wir zu Grunde gehen?Sie haben einigen Glauben. So vielen hat der Herr geholfen, sollte er also die Seinen im Stich lassen? Sollen die, welche berufen sind, sein Reich auszubreiten, von den Wogen verschlungen werden, während der Messias bei ihnen im Schiffe ist? -Der Sturm auf dem Meer
Gustave Doré (1832-1883), La Grande Bible de Tours (Alfred Mame et fils, Tours, 1866)
The Doré Bible Illustrations (Dover Publications, 1974) — Scans bereitgestellt von Rev. Felix Just, S.J.39 Und er stand auf, gebot dem Winde drohend,Der Wind hat das Meer unruhig gemacht (Theoph.). - und sprach zu dem Meere: Schweig, verstumme! Und der Wind legte sich, und es ward eine große Stille.Wie der Befehl ein Doppelglied hatte, so die Erfüllung. Besonders wunderbar war die plötzliche Ruhe des Meeres. V. 37: Ein großer Sturm V. 39: eine große Stille. -40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?Nach so vielen Wundern. - Sie aber fürchteten sich sehr, und sprachen zueinander: Wer ist wohl dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?Noch war ihr Glaube, dass Christus Gott sei, nicht fest. Der Heiland schläft als Mensch und gebietet als Gott dem Winde und dem Meere Ruhe (Beda). – Dieser Sturm ist das Bild der Stürme, welche die Kirche Christi durch alle Jahrhunderte zu erdulden hat.