Matthäus 11

Zeugnis des heil. Johannes und Verstockung des Volkes. (11.) Sendung des heil. Johannes des Täufers an Jesus (V. 6) Zeugnis Christi von Johannes. (V. 15) Unbußfertigkeit des Volkes: Strafdrohungen. (V. 34) Wer ist zum messianischen Reiche berufen?

Und es begab sich, Der heil. Johannes gibt dem Herrn vor dem Volke Zeugnis, doch vergebens. Christus weist strafend auf die mannigfachen Weisen hin, wie Gott das Volk gerufen, doch auch dies umsonst. Nach [Lk 9] wurden die Apostel erst nach der Gesandtschaft des heil. Johannes ausgesendet. - als Jesus die Weisungen an seine zwölf Jünger vollendet hatte, ging er von da Von einem Orte Galiläas [Mt 9,35]. - weg, um in ihren Städten zu lehren Während die Apostel ausgesendet sind, lehrt auch Christus öffentlich oder privatim. – und zu predigen. Wie ein Gesandter, der Vollmacht hat. - Als aber Johannes im Gefängnisse In einem Castelle im Süden Peräas, nicht weit von Kiriathaim. Seine Jünger hatten unschwer Zugang zu ihm. - die Werke Christi Die Wunder [Joh 5,36; Lk 7,38] des Messias. So hält der Evangelist die Meinung fern, der heil. Johannes wisse nicht, wer der sei, auf den er doch selbst als das Lamm Gottes gewiesen den er den Bräutigam genannt. [Mt 9,15] (Hier., Aug., Chrys.) Wenn Johannes aber nicht zweifelt, wozu die Frage? Wie der Heiland fragt, wo sie Lazarus hingelegt (Hil.), so fragt Johannes seiner Jünger halber [Mt 9,14] und um gleichsam durch Testament dem Volke die Mahnung zu lassen, den Messias anzuerkennen und ihm zu folgen. Da nämlich seine Jünger ihm von den Wundern Jesu berichteten, mussten sie auch von dem Verhalten des Volkes etwas sagen. Johannes sieht die Gefahr, in der er schwebt, und will es retten durch eine öffentliche Erklärung Christi, dass er der Messias sei. (Orig.) - vernahm, sandte er zwei aus seinen Jüngern. und ließ ihm sagen: Bist du der, der da kommen soll, Nach [1Mos 49,10, Ez 21,27] und wegen der allgemeinen Erwartung. - oder haben wir einen andern zu erwarten? Jesus antwortete, und sprach zu ihnen: Gehet hin, und verkündet dem Johannes, was ihr gehört und gesehen habt: Blinde sind sehend, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird frohe Botschaft verkündet; Wie sonst, so weist Christus hier auf die Werke hin, welche von ihm Zeugnis geben, da [Jes 35,1, Jes 61,1] dieselben vorhergesagt. Christus heilt die Folgen der Sünde, um sich als Erlöser von derselben zu offenbaren. - und selig ist, wer sich an mir nicht ärgert! Weil ich in Demut, Armut und Leiden erscheine. Vergl. [Jes 53,1.4]. - Während aber diese hinweggingen, fing Jesus an, zu dem Volke von Johannes zu reden: Was Johannes Absicht wird durch die Strafrede Christi an das Volk offenbar. - seid ihr in die Wüste hinausgegangen Habt ihr euch die Mühe gemacht. - zu sehen? Ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird? Zur Zeit jener großen Bewegung, als Johannes am Jordan auftrat. [Mt 3,5] Am Ufer des Jordans wuchs viel Schilf. Andere erklären: Ihr habt gesehen, dass Johannes kein solches Rohr ist, d. i. er sandte seine Jünger nicht, weil er zweifelte. - Oder, Wenn nicht dazu, wozu also? Der Heiland stellt Fragen, damit sie in sich gehen und sich die Antwort geben - was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen, mit weichlichen Kleidern angetan? Siehe, die da weichliche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. Oder, was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Wenn also einen Propheten, wie seid ihr zu entschuldigen, dass ihr ihm nicht gefolgt? - Ja, ich sage euch, einen, der mehr ist als ein Prophet. [Lk 7,28]. An Würde über den Propheten. Dies zeigt sich auch in Allem, was das Evangelium von ihm erzählt. - Denn dieser ist's, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Engel vor deinem Angesichte her, der deinen Weg vor dir her bereiten soll. Wahrlich, ich sage euch, unter den von Weibern geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes, der Täufer; der Geringste aber im Himmelreich ist größer als er! Im Reiche, das Johannes angekündigt und Christus verkündet, also im messianischen Reiche. Die Würde und der Stand des alten und des neuen Reiches werden verglichen. Vergl. [Gal 4,1-7, Gal 4,22-31]. Johannes starb, ehe Christus seine Kirche begründete. - Aber Im Gegensatz zu den Vorhergehenden. - von den Tagen Johannes, des Täufers, an bis jetzt leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt brauchen, reißen es an sich. Die Ausleger erklären diesen Text verschieden. Die einen fassen das Wort Gewalt leiden in dem Sinne von: bekämpft werden. Dass das Himmelreich in der Tat seit dem Auftreten des heil. Johannes Anfeindungen ausgesetzt war, geht aus [Mt 3,7-10] und aus V. 18 dieses Kap. Hervor. Zudem sprach Christus zuvor von dem Reiche Gottes auf Erden, nicht im Himmel. Andere erklären die Worte in gutem Sinne: Das Reich Gottes wird denen zuteil, welche es mit Eifer suchen (Chrys., Cyrill., Aller., Ambr., Hier.). Die es an sich reißen, sind die Sünder, Zöllner und Heiden, welche es den Juden gleichsam wegnehmen und sich aneignen. (Hil., Ambr., Greg.) - Denn alle Propheten und das Gesetz bis auf Johannes Mit Johannes hört die Verkündigung auf. - haben geweissaget; und wenn ihr es annehmen wollet, Christus bequemt sich der Fassungskraft der Juden so an, dass sie erkennen müssen, wie er sich als Messias kundgibt. Siehe [Mt 17,10 und Mk 9,10]. Die Meinung der Juden entstammt [Mal 4,5]. Der Zusatz „Wenn ihr wollt“ zeigt, dass Johannes nicht im eigentlichen, sondern im uneigentlichen Sinne Elias ist. Elias soll vor der zweiten Ankunft Christi kommen; Johannes kam vor der ersten, die gleichfalls ein Gericht war, weshalb er den Messias auch als Richter verkündet [Mt 3,12]. Elias bekehrt die Abgefallenen, ebenso Johannes [Lk 1,17]. - er selber ist Elias, der da kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Bezieht sich auf V. 14 und von da rückwärts bis V. 7. - Wem aber soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Sie bedürfen der Mahnung. Der Herr nimmt den V. 7 begonnenen Tadel auf, indem er die Unverbesserlichkeit der Juden zeigt. - Es ist Kindern gleich, die auf dem Markte sitzen, und ihren Gespielen zurufen, und sagen: Wir haben euch geflötet, Wie bei einer Hochzeit. - und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geklagt. Was auch die einen tun, die anderen haben immer etwas zu tadeln. - Denn Johannes kam, er aß und trank nicht, Aß kein Brot und trank keinen Wein. [Lk 7,33]. - und sie sagen: Er hat den Teufel! Diesen Vorwurf lesen wir nur hier. - Der Menschensohn kam, er isst und trinkt, Führt das gewöhnliche Leben anderer. - und sie sagen: Sehet, Was kann von ihm Gutes kommen? Vergl. [Joh 9,16.24] Der heil. Johannes tat keine Wunder, deshalb musste eine aller Augen sichtbare Heiligkeit seinen Worten Glauben verschaffen, Christus bezeugt seine Sendung durch Wunder aller Art. (Thom.) Der Täufer predigte Buße und musste also selbst das Vorbild derselben geben, Christus lädt zum Eintritt in das Reich Gottes ein und gewährt Friede und Freude, einen Vorgeschmack der künftigen Glückseligkeit. (Cyr., Al.) Johannes endlich war nur berufen Zeugnis zu geben von dem Lichte, Christus will alle an sich ziehen und allen ein Vorbild sein. - er ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und die Weisheit ward von ihren Kindern gerechtfertiget. Die von Gott belehrt waren, alle Gläubigen, erkannten in beiden Gottes weise Absicht. Wer diese sind, erklärt V. 25-27. - Alsdann Dieser Ausdruck kehrt bei Matthäus etwa 90 Mal wieder und bezeichnet nicht notwendig die Zeitfolge (Aug.). - fing er an, Er tat es also öfter. Zugleich will der Evangelist mit größerem Nachdruck erzählen. - die Städte zu strafen, in welchen sehr viele Wunder geschehen waren, darum dass sie nicht Buße getan hatten. Vergl. [Mt 4,17]. - Wehe Jesus, der gekommen war, selig zu machen, ruft Wehe. Mit welchem Rechte, zeigen die für das auserwählte Volk so beschämenden Vergleiche. Die anderen Völker gelten ihm als Sünder und Blinde, sich selbst hält es für den Lehrer derselben. - dir, Korozain! wehe dir, Bethsaida! Beide Städte liegen nicht weit von Kapharnaum. Aus Bethsaida stammten Petrus, Andreas und Philippus [Joh 1,44]. - denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, welche in euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche In Bußkleidern auf dem Boden sitzend und das Haupt mit Asche bestreut. - Buße getan. Buße tun ist nach dem griech. Worte im Herzen tun, was die geschilderten Taten besagen: sich von der Sünde abwenden und sich selbst strafen. Christus wusste sicher und unfehlbar, was geschehen wäre, wenn die Bedingung ihre Verwirklichung gefunden hätte. Warum aber hat der Herr dann nicht in Thyrus und Sidon gepredigt und Wunder getan? Weil er dazu nicht verpflichtet war, da Wunder außerordentliche Gnaden sind, jene Städte aber ausreichende Gnaden hatten, um dem Verderben zu entgehen. - Allein ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichtes, als euch. Wo größere Erkenntnis, da ist auch die Verstockung sträflicher. Vergl. [Jer 3,11, Ez 16,48.51]. - Und du, Kapharnaum! wirst du etwa bis in den Himmel erhöht werden? Du wirst dich doch nicht etwa (vielleicht durch Teilnahme an der Herrlichkeit des Messias) bis zum Himmel erheben? Nein, sondern… Man weiß nicht mehr, wo die Stadt gestanden, die Einwohner aber sind in der Verdammnis. - Bis in die Hölle wirst du hinabsteigen; denn wenn in Sodoma Durch die Beifügung von Sodoma wird die Anklage schwerer. - die Wunder geschehen wären, welche in dir geschehen sind, es stünde wohl Der heil. Hieronymus übersetzt so eine griechische Partikel, die aber im Griechischen keinen Zweifel andeutet und die er sonst, z. B. V. 21, oft mit Recht weglässt. - bis auf diesen Tag. Jedoch ich sage euch, dem Lande der Sodomiter wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichtes als dir. Zu jener Zeit Als Christus und die Apostel predigten. - nahm Jesus das Wort, Dies Wort wird gebraucht, wenn etwas im Anschluss an Worte oder Taten gesagt wird, was jenen entspricht und ihnen gleichsam seinen Ursprung verdankt. - und sprach: Ich preise dich, So übersetzten Chrys., Bed., Thom. und erklärt es Hieron. - Vater, Herr des Himmels und der Erde! dass du dieses vor Weisen Den Weisen nach dem Fleische, die Paulus beschreibt [Roem 2,17]. - und Klugen Die sich selbst dafür halten und deshalb Christi Lehre verschmähen, wie ihre Väter die Mahnungen der Propheten. - verborgen, Einfältigen Den Aposteln und Gläubigen. - aber offenbaret hast. Christi messianische Würde (V. 27). Diese Worte des Herrn gelten übrigens für alle Zeiten. Vor den Weisen und Klugen hat Gott nicht im eigentlichen Sinne die Hoheit Christi verborgen, denn Jesus tat Wunder wie kein Mensch. Aber da sie den Gnaden, die ihnen Gott gewährte, widerstanden, gab ihnen der Herr keine größeren, welche ihre Bosheit überwanden, sondern überließ sie ihrer Verblendung. - Ja, Ich preise dich. - Vater! weil es also wohlgefällig gewesen ist vor dir. Alles ist mir von meinem Vater übergeben; Der menschlichen Natur nach. - und niemand kennt Nach dem Griech.: Vollkommen, gleichsam der Natur nach (Chrys., Hil., Hier.). - den Sohn außer der Vater; und auch den Vater kennet niemand außer der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will. Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen Womit beladen, wird mannigfaltig erklärt: mit Sünden (Chrys., Hier., Aug.), mit der Last der pharisäischen Satzungen (Theophyl.), mit den Leiden und Versuchungen des Lebens. Den Gegensatz zu diesen bilden die Weisen und Klugen V. 25. - seid, und ich werde euch erquicken! Wozu soll die Erquickung dienen? - Nehmet mein Joch auf euch, Das Joch wird beschrieben im zweiten Teile: - und lernet von mir; Und lernet. Seine Lehre also sollen sie annehmen und üben (Euth., Hil., Bed., Thom.). Traget kein Bedenken, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, ich verachte Niemanden und komme gern jedem zu Hilfe (Hil.). Wer möchte sich einen Augenblick besinnen, sich einem Lehrer anzuschließen, der bei seiner Allmacht und höchsten Weisheit so lieb und hilfsbereit ist? Einige erklären: Lernet von mir, dass ich sanftmütig bin usw. Aber Christus erklärt hier nicht, welches seine Lehre ist, sondern welcher Lehrer er ist. - denn ich bin sanftmütig und demütigen Herzens; so werdet ihr Ruhe finden Zweiter Grund, weshalb wir uns ihm anschließen sollen: Jeder will glücklich sein; nur bei ihm ist wahres Glück zu finden. - für eure Seelen, Hebraismus: für euch. - denn mein Joch ist süß, und meine Bürde leicht. Dritter Grund: Es ist das Joch eines wohlwollenden Lehrers. Vergl. [Apg 15,10]. Leicht wird Verzeihung erlangt und Gnade wird gespendet, die alles süß macht. Dem steht also [Mt 7,13.14] und [Mt 10,38] nicht entgegen. Die vorstehende Erzählung findet sich nur bei Matthäus. Dieser Umstand, wie das zwei Mal gebrauchte Wort „Joch“ lassen die Worte besonders vom alten durch die Pharisäer noch schwerer gemachten Bunde und dem neuen des Heilandes verstehen.

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