Philemonbrief 1

1. Briefaufschrift (V. 1 – 3) und Danksagung für die Beharrlichkeit des Philemon im Glauben und für seine Liebe gegen die Mitchristen. (V. 7) 2. Gegenstand des Briefes. (V. 8) Der heil. Paulus bittet Philemon seinem Sklaven zu verzeihen, indem er die Beweggründe nur kurz berührt: a. Wohl könnte Paulus befehlen, doch will er lieber bitten, als Freund des Philemon, als Greis, als Gefangener Christi, für seinen Sohn, den er in Fesseln gezeugt, der jetzt ein anderer als er fortgegangen, zu seinem Herrn zurückkehrt. (V. 11) b. Zwar ist Paulus berechtigt, den Sklaven bei sich zu behalten, damit dieser ihm statt seines Herrn Dienste erweise, doch will er von diesem Rechte keinen Gebrauch machen, damit Philemon über jenen selbst bestimmend sich ein größeres Verdienst erwerbe. (V. 14) c. Der Sklave ist durch eigene Schuld entflohen, doch die göttliche Vorsehung hat es zum Guten gewendet, da Onesimus dem Apostel und seinem Herrn den größten Nutzen gebracht hat. (V. 17) d. Den Schaden, den Onesimus verursacht, übernimmt Paulus als Verpflichtung, indem er die Zuversicht ausspricht, dass seine Bitte keine vergebliche sein werde. (V. 21) 3. Epilog. Ersuchen, ihm Gastfreundschaft zu gewähren. Grüße. Apostolischer Segen.

Paulus, Gefesselter Christi Jesu, Paulus fügt seinem Namen den Titel Apostel nicht bei. Nicht mit apostolischer Vollmacht will er hier auftreten, sondern er kommt als Bittender. Die Erwähnung seiner Fesseln, welche Christus ihm angelegt, muss seiner Bitte Nachdruck verleihen. - und Timotheus, der Bruder, Timotheus war dem Philemon bekannt, weshalb Paulus ihn als Mitbittenden einfügt. - an Philemon, Philemon war ein Kolosser, wie aus [Kol 4,9.17] hervorgeht. V. 7 wird seine Mildtätigkeit gegen arme Christen gerühmt, V. 22 lädt sich der Apostel zu ihm ein, Umstände, die auf Wohlhabenheit hinweisen. - unseren Geliebten, Ausdruck, der die Gegenliebe hervorrufen soll. - und Mitarbeiter, Nach den apostolischen Konstitutionen (7,46) war er (später?) Bischof von Kolossä. Er soll unter Nero den Märtyrertod gestorben sein. - und an Appia, Appia war wahrscheinlich die Frau des Philemon. (Chrys., Theod., Theoph., Ök.) Sie war, wie die Anrede zeigt, eine Christin. Das römische Martyrologium setzt ihr Martyrium auf den 22. November. Der Apostel wendet sich an sie, weil die Fürbitte für einen Sklaven die Hausfrau anging. - die geliebte Schwester, und an Archippus, unsern Mitstreiter, Archippus war in Abwesenheit des Epaphras der Vorsteher der Gemeinde in Kolossä. (V. 23) [Kol 4,17] Ob er mit Philemon verwandt war, ist nicht festzustellen. - und an die zu deinem Hause Jener Teil der Gemeinde von Kolossä, der sich im Hause des Philemon versammelte. Wenngleich der Apostel im Folgenden nur zu Philemon redet, zieht er doch die Hausgemeinde in das Interesse, über diese aber geht er, da die Sache eine Hausangelegenheit ist, nicht hinaus. - gehörige Gemeinde. Gnade euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Ich danke Bevor der Apostel seine Bitte ausspricht, hebt er, gleichsam um das Wohlwollen Philemons zu wecken, die Tugenden desselben hervor, besonders seine Liebe und Treue zu Christus und gegen die Mitchristen. Da er aber dieses Lob in Form eines Dankes gegen Gott ausspricht, liegt darin für den gelobten zugleich eine Ermahnung, diesen Glauben und diese Liebe nicht als sein Verdienst, sondern vielmehr als eine Gabe Gottes anzusehen. Die Einzahl der redenden Person schließt Timotheus als Mitbriefschreiber aus. - meinem Gott, indem ich allezeit deiner eingedenk bin in meinen Gebeten, da ich von deiner Liebe und dem Glauben höre, welchen du an den Herrn Jesus und für alle Heiligen hast, Beide Eigenschaften hat Philemon besonders in der V. 7 erwähnten Liebeshandlung gezeigt, die aus dem Glauben stammte. Die Liebe hat Philemon gegen alle Heiligen gezeigt, den Glauben gegen den Heiland. Paulus stellt jene Liebe voran, weil er Philemon zur Liebe bewegen will. - so dass die Gemeinschaft deines Glaubens Der Sinn des Vulgatatextes ist: Deine Liebe und dein Glaube sind derart, dass die Glaubensgemeinschaft, in der du mit den übrigen Christen stehst, offenbar wird, indem alle das Gute, das bei euch um Christi willen geschieht, anerkennen. Anders der griechische Text: „Deine Glaubensgemeinschaft möge sich wirksam erweisen um Christi willen, indem du recht lebendig die großen Heilsgüter erkennst, welche uns als Christen zuteil geworden sind.“ Der Apostel hat stets den Gegenstand seiner Bitte vor Augen. - offenbar wird, indem all das Gute, das bei euch geschieht in Christus Jesus, anerkannt wird. Denn große Freude und Trost Wie in V. 5 den objektiven, so legt der Apostel hier den subjektiven Grund seines Dankes dar. - habe ich in deiner Liebe gefunden, dass nämlich die Herzen der Gläubigen durch dich, Bruder, erquickt sind. Darum, Darum: Paulus bereitet der erst in V. 17 auszusprechenden Bitte den Weg. - obschon ich in Christus Jesus große Zuversicht habe, dir das Geziemende zu befehlen, bitte ich doch vielmehr um der Liebe willen, Wenn er, der für Christus leidet, einen Christen um etwas bittet, so muss dieser willig sein, die Bitte zu gewähren: V. 8. Es ist etwas Besonderes, wenn ich bitte. V. 9: wenn ich bitte. V. 10: Gegenstand der Bitte. - da du ein solcher bist, Nach dem Griech. bezieht sich dies auf Paulus. Nach der Vulg. ist der Sinn: Da du ein Greis bist, wie ich, bitte ich, denn es ziemt sich nicht, einem Greise zu befehlen. Nach dem Griech. weist Paulus darauf hin, wie er, obwohl erst etwa 60 Jahre, doch durch die dreißigjährige Arbeit für das Evangelium, vergl. [2Kor 11,23ff], alt und grau geworden ist. Paulus, ein von Gott erkorener Apostel, bittet, ein im Dienste Christi ergrauter Mann, der Fesseln trägt um des Heilandes willen, zu welchem auch Philemon sich bekennt. - wie Paulus, ein Greis, jetzt aber auch Gefangener Jesu Christi, bitte ich dich für meinen Sohn, Nach dieser Vorbereitung folgt noch immer die Bitte selbst nicht, sondern zunächst nur der Hinweis auf die Person, welche sie betrifft. Es gilt das Wohlwollen für die Person, welche Gegenstand derselben ist, zu erwecken. Deshalb beschreibt er diese in einer Weise, welche das Herz gewinnt: es ist mein Kind, das ich in Banden, also in Leiden und Schmerzen gezeugt habe. Erst hierauf folgt der Name. Wohl hat Onesimus (der Nützliche) früher seinem Namen keine Ehre gemacht, doch da er sich bekehrt hat, wird er sich als treu und gewissenhaft bewähren. - welchen ich in meinen Banden gezeugt habe, für Onesimus, der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist, den ich dir zurücksende. Du aber nimm ihn auf, als wäre es mein eigenes Herz. Wie könnte Philemon gegen das Herz des heil. Paulus hart sein? - Gern hätte ich ihn bei mir behalten, Der Grund ist bereits V. 11 angedeutet. - damit er mir an deiner Stelle diene Da Philemon dem heil. Paulus in seinen Banden gewiss gern jede Erleichterung verschaffen würde, wäre die Dienste, die Onesimus ihm leistete, im Interesse seines Hauses, oder an seiner Statt geleistet. - in den Banden, die ich um des Evangeliums willen trage, doch ohne deine Zustimmung habe ich nichts tun wollen, damit deine Wohltat „Ich sende ihn dir zurück. Du hast nun das Recht, über ihn zu verfügen, doch ich habe durch die Rücksendung dir nur Gelegenheit geben wollen, demselben aus freien Stücken Gutes zu erweisen.“ Hätte Paulus den Onesimus bei sich behalten, so wäre Philemon dadurch gezwungen gewesen, seinem Sklaven zu verzeihen, nun aber wird dies ganz freiwillig geschehen. - nicht wie aus Zwang geschähe, sondern freiwillig. Denn Begründung zu V. 14: damit usw. - vielleicht Die göttliche Vorsehung weiß alles zum Guten zu wenden, so auch diese Flucht des untreuen Sklaven zu seiner Bekehrung. Der Apostel sagt: „vielleicht“ teils weil eine unbedingte Behauptung für den gekränkten Herrn des entwichenen Sklaven unzart und anstößig gewesen wäre, teils weil die Gerichte Gottes verborgen sind und sich nichts sicheres über dieselben sagen lässt. – Der Apostel nennt die Flucht eine Trennung, um die Schuld des entlaufenen Sklaven nicht schroff zu bezeichnen: Die kurze Trennung hat eine ewige Wiedervereinigung bewirkt. Philemon ist jetzt mit Onesimus vereint in Christus durch Glauben und Liebe, und diese Vereinigung reicht in die Ewigkeit. - ist er deswegen auf kurze Zeit von dir getrennt worden, damit du ihn auf ewig zurückempfingest, nicht ferner als Knecht, sondern anstatt eines Knechtes als geliebten Bruder, Euer gegenseitiges Verhältnis hat sich vervollkommnet. Das Christentum kennt zwar als solches keine Sklaverei, aber wo es solche vorfindet, sucht es auf das Innere zu wirken, damit diese der Nächstenliebe widersprechende Einrichtung unmöglich werde. Vergl. [Kol 3,Anm.30]. Auch wenn Onesimus Sklave bleibt, hat Philemon ihn in religiöser Beziehung als Bruder anzuerkennen und mit brüderlicher Liebe zu umfassen. Doch auch dies erwähnt Paulus nicht, ohne zu betonen, dass Onesimus zunächst und in erster Linie ihm selber Bruder ist. Von Paulus als Bruder anerkannt, wird er auch von anderen dafür angesehen werden, wie viel mehr von Philemon. Dem Philemon steht er nicht nur als Christ nahe, sondern auch vermöge des natürlich menschlichen Verhältnisses, als Hausgenosse. - was er mir vorzüglich ist, wie viel mehr aber dir, sowohl dem Fleische nach als im Herrn. Wenn ich dir daher Mitgenosse bin, Genosse im Glauben und in der Liebe. Um unserer christlichen Gemeinschaft willen nimm ihn auf, wie du mich aufnehmen würdest, käme ich zu dir. - so nimm ihn auf wie mich. Nachdem der Apostel den Wert des Onesimus für sich und Philemon geschildert, dessen Rücksendung als ein persönliches Opfer seinerseits bezeichnet hat, das also Philemon zu dankbarer Erfüllung seines Wunsches bewegen muss, und hervorgehoben hat, dass Philemon in dem zurückkehrenden Sklaven vor allem seinen Bruder zu sehen hat, fügt er nun endlich die Bitte bei um freundliche Aufnahme des Sklaven. Aber auch diese wird wieder so eingekleidet, dass nicht nur der Anspruch ein weitgehender ist, sondern der Wunsch auch notwendig gewährt werden muss. - Hat er dich aber irgendwie geschädigt, oder ist er dir etwas schuldig, so rechne dies mir an. Noch ein Punkt ist zu ordnen, damit Onesimus eine freundliche Aufnahme gesichert sei. Philemon ist durch seinen Sklaven ein Schaden zugefügt worden, und so ist Onesimus zum Schadenersatz verpflichtet. Mit zarter Schonung gegen Onesimus spricht Paulus von dem Falle, dass jener seinem Herrn ein Unrecht getan. Alsdann fügt er mit eigener Hand bei, dass er die Schuld auf sich nehme, so einen Schuldschein ausstellend: ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand, ich, nicht der eigentliche Schuldner, werde es bezahlen. Er hat wohl nur diesen Satz selbst geschrieben, das Übrige diktiert. - Ich, Paulus, schreibe es mit eigner Hand: Ich will es zurückzahlen, um dir nicht zu sagen, dass du auch dich selbst mir schuldig bist. Stelle die Schuld mir in Rechnung, damit ich nicht sage dir (so besser nach dem Griech.). Du bist mein Schuldner, ziehe also nur von der Gegenrechnung ab, was Onesimus schuldet. Du schuldest mir viel mehr als er dir, denn du schuldest mir dein eigenes Ich, dessen ewiges Heil. Also wirst du das Geld, das du von Onesimus nicht mehr verlangen darfst, auch von mir nicht einziehen. - Ja, Bruder! ich selbst möchte von dir Nutzen ziehen im Herrn; Im Herrn: Es handelt sich nicht um äußere Dinge, sondern um religiöse Güter, ein christliches Werk, eine Tat, die Christus anrechnet. - erquicke mein Herz im Herrn! Stille meine liebevolle Sorge für Onesimus durch deine Verzeihung und durch gütige Aufnahme. - Voll Vertrauen auf deine Folgsamkeit schreibe ich dir, denn ich weiß, dass du noch mehr tun wirst als ich sage. Wenn Paulus V. 8 gesagt, er wolle nicht befehlen, sondern nur bitten, lässt er doch hier seine apostolische Machtvollkommenheit leicht durchblicken und deutet auf die Pflicht Philemons hin, deren Erfüllung er ihm durch die Form der Bitte erleichtert hat. Doch sogleich fügt er in herzgewinnender Weise bei, er wisse, dass Philemon sogar mehr tun werde, als er in diesem Briefe sage, d. i. dass Philemon alle seine Erwartungen (denn Bestimmtes hat er ja in diesem Briefe außer der Verzeihung nicht erbeten) übertreffen werde. - Zugleich aber bereite mir auch eine Unterkunft; denn ich hoffe, dass ich euch durch euere Gebete werde geschenkt werden. Zugleich mit dem, was ich gleichzeitig tue. Es ist dies nicht nur ein Zeugnis der Liebe des heil. Paulus, sondern zugleich ein neuer Beweggrund für Philemon, die Bitte des Apostels zu erhören. Der Apostel hofft aus der Gefangenschaft befreit zu werden, doch geben ihm nicht so die Verhältnisse die Zuversicht, wie die Fürbitte der Gläubigen in Kolossä und anderwärts. Auf die Reise nach Spanien sollte also alsbald eine Visitationsreise durch Kleinasien folgen. - Es grüßt dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus, Markus, Aristarchus, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter. Es folgen Grüße von denselben, welche auch die Gemeinde von Kolossä im Briefe an diese haben grüßen lassen. An erster Stelle wird Epaphras als Mitbürger des Philemon genannt und Aristarch (wie [Kol 4,10] siehe diese Stelle) als Mitgefangener des heil. Paulus bezeichnet. Markus, Aristarch, von jüdischer Herkunft, Demas und Lukas, Heidenchristen, alle vier Mithelfer des heil. Paulus, senden dem Philemon als Zeichen ihrer Liebe ihren Gruß. Derselbe ist eine stillschweigende Fürbitte für Onesimus. - Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus sei mit euerem Geiste! Amen. Dieselbe Formel [Gal 6,18].

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