Psalmen 102

1. Gott hat das Gebet des Sängers erhört (V. 2), aber dennoch suchen denselben Trübsale heim. (V. 6) Von den Feinden geschmäht, ist er gezwungen, sich zurückzuziehen, fast verzehrt von Gottes Zorn. (V. 12) 2. Mit Vertrauen fleht der Psalmist, dass die Zeit der Erbarmung gekommen sein möge, da Israel ja selbst die Trümmer Sions wieder liebt. (V. 15) Auch die Feinde werden Gott verehren, wenn sie Sion wiederhergestellt und das Gebet der Weggeführten erhört sehen (V. 18), Israel aber werde eine so große Wohltat stets preisen und Gottes Name vor den Menschen verkündet werden. (V. 23) 3. Die Bitte wiederholend, ruft der Dichter Gottes Unveränderlichkeit an (V. 28) und spricht seine Zuversicht aus, dass das Volk nicht untergehen wird.

Gebet eines Armen, wenn er in Ängsten ist und vor dem Angesichte des Herrn seine Klage ausschüttet. Die Überschrift ist wohl liturgischen Ursprungs. V. 14ff legen die Vermutung nahe, dass er zur Zeit der Wegführung verfasst ward, als Sion in Trümmern lag. - O Herr! erhöre mein Gebet und lass mein Rufen zu dir kommen! Wende dein Angesicht nicht von mir ab; wann immer ich in Trübsal bin, neige dein Ohr zu mir; wann immer ich dich anrufe, erhöre mich alsbald! Denn meine Tage sind hingeschwunden wie Rauch V. 4-6 und 12 sind Schilderung tiefen Seelenleidens. Der Rauch verflüchtigt sich, um spurlos zu verschwinden. - und mein Gebein ist verdorrt wie dürres Reis. Hebr.: Mein Gebein ist durchbrannt (von Fieberglut) wie ein brennendes Scheit. - Ich bin versengt Ich bin von deinem Zorne getroffen, so dass ich absterbe wie das Gras bei großer Hitze. - wie Gras und mein Herz ist verdorrt, Meine Lebenskraft ist durch Leiden verzehrt. - denn Nicht begründend, sondern erläuternd. - ich vergesse, mein Brot zu essen. Ob meines lauten Seufzens klebt mein Gebein an meinem Fleische. Die Knochen starren überall hervor. - Ich gleiche dem Pelikan in der Wüste, Dem Ruderfüßler, der Kropfgans. Das Altertum erzählte von dem Vogel wunderbare Dinge, welche, auf Christus angewendet, in der christlichen Symbolik verwendet sind. (Aug.) - ich bin wie eine Eule in öder Behausung. Beide Vögel sind unrein und lieben den Aufenthalt in wüsten Gegenden. In einer solchen Wüste, die des Exils, ist auch der Dichter versetzt. - Ich bin schlaflos und wie ein einsamer Sperling Hebr.: kleiner Vogel. - auf dem Dache. Wie ein, während alles im Hause ruht, einsam auf dem Dache sitzender Vogel. - Beständig höhnen mich meine Feinde, Dass Gott mich verlassen hat. - und die mich zuvor lobten, Mich glücklich preisen ob meines von Gott verliehenen Glückes. - verschwören sich nun wider mich. Hebr.: Meine Rasenden (meine wider mich tobenden Feinde) schwören bei mir. - Denn Fortsetzung der Schilderung. - ich esse Asche Sinnbild der Trauer: Schmerz und Unglück sind mein tägliches Brot. - wie Brot und mische meinen Trank mit Tränen wegen deines Zornes und deines Grimmes, denn du hobst mich empor und schleudertest mich nieder. Du hast mich zuerst glücklich gemacht, dann ins Elend gestürzt. Doch die mir zuteil gewordene Offenbarung hast du mich erhoben, fast scheint es, als ob dies nur geschehen, um mich desto tiefer zu stürzen. - Meine Tage schwinden dahin wie ein Schatten und ich verdorre wie Gras. Hebr.: Meine Tage sind wie ein geneigter Schatten (gehen dem Untergange zu wie ein Schatten an der Neige des Tages). - Du aber, o Herr! bleibst in Ewigkeit, Treu deinen Verheißungen. Hebr.: Du thronst ewig (als König der Theokratie). - und dein Andenken Die Erinnerung an dich, die du dir durch deine Wundertaten gesichert. - währt von Geschlecht zu Geschlecht. Du wirst dich erheben, dich Sions zu erbarmen; denn es ist Zeit, dich seiner zu erbarmen, ja, die Zeit ist gekommen. Denn deine Diener haben seine Sions. - Steine Die Diener Gottes fühlen sich in Babylon nicht heimisch, ihr Sehnen geht nach Jerusalem, ob dies auch in Trümmern liegt. - lieb und sie tragen Leid über seinen Schutt. Und die Völker werden deinen Namen fürchten, Herr! und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit. Denn der Herr wird Sion aufbauen und wird in seiner Herrlichkeit erscheinen. Gottes eigene Ehre hängt von der Wiederherstellung Jerusalems ab, denn erst, wenn Sion wiederaufgebaut, bekehren sich die Völker. Vergl. [Jes 40,1-5]. - Er wird sich dem Gebet der Demütigen zuwenden und ihr Flehen nicht verschmähen. Aufgeschrieben werde dies Was über Sion V. 17, 18 gesagt ist. - dem kommenden Geschlechte und das Volk, das geschaffen werden soll, Die zukünftige Gottesgemeinde. - preise den Herrn, dass er von seiner heiligen Höhe Dem Himmel. - herabgeschaut, der Herr vom Himmel auf die Erde herabgeblickt hat, um das Seufzen der Gefangenen zu hören, um die Kinder der Erschlagenen Der bei der Wegführung Umgekommenen. - zu befreien; auf dass Auf die Verheißungen begründete Hoffnung. Ehe Daniel seine Prophezeiung von den Jahrwochen noch gegeben, hoffte man wohl, dass das Ende des Exils und das Erscheinen des Messias zusammen falle. - sie in Sion den Namen des Herrn verkünden und sein Lob in Jerusalem, wenn die Völker dort allzumal zusammenkommen und die Könige, um dem Herrn zu dienen. Er antwortete Sprach. - ihm inmitten seiner Kraft: Tue mir die geringe Zahl meiner Tage kund! Während Gott in seiner Streitmacht einherschreitet, fragt das zagende Volk, ob er es gänzlich vertilgen wolle. (Es spricht das Volk zu ihm auf seinem Machtwege.) Besser passt in den Zusammenhang das Hebr.: Er (Gott) hat gebeugt durch den Weg (der Leiden) seines (des Volkes) Kraft, hat verkürzt meine Tage. Ich sprach: Raffe mich nicht hinweg in der Hälfte meiner Tage. - Rufe mich nicht ab in der Hälfte meiner Tage, Die Sehnsucht, die neue Zeit zu erleben, gibt diese Bitte ein. - von Geschlecht zu Geschlecht währen deine Jahre. Gottes unbeschränkte Herrschermacht ist ihm Gewähr für die Erhörung der Bitte. - Im Anbeginn hast du, o Herr! die Erde gegründet und das Werk deiner Hände sind die Himmel. Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie alle werden wie ein Kleid veralten und wie ein Gewand wirst du sie wechseln und sie werden verändert. Wie der Mensch leicht ein Gewand wechselt, so leicht wandelst du Himmel und Erde. Vergl. [Jes 51,6]. - Du aber bist stets derselbe und deine Jahre nehmen kein Ende. Die Verse 26-28 bezieht der Apostel [Hebr 1,10-12] auf Christus. Derselbe Gott, den der Dichter als den Unwandelbaren bekennt, ist der, der kommen soll, der Heiland. - Die Kinder deiner Diener werden wohnen Zwar fiel die Ankunft des Messias nicht mit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft zusammen, aber doch war diese ein Typus der Lösung aus der Gefangenschaft der Sünde durch den Messias und des Aufbaues des geistigen Sion, der Kirche. Was der Sänger in geringerem Maße von Gott erwartete, hat Gott, Mensch geworden, im vollsten Maße gewährt. – Als Bußpsalm richtet dieser Psalm den Blick auf die schlimmen Folgen der Sünde wie auf den mächtigen Erbarmer und die Befreiung von der Sünde. und ihre Nachkommen werden beständig bleiben.

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