1. Gott, der das ganze Weltall umfasst und erfüllt, kennt auch das Tun und Reden, ja die verborgensten Gedanken des Dichters. (V. 12) 2. Kann es anders sein, da ja des Menschen Sein und Leben nach Ursprung, Weg und Ziel in Gottes Händen liegt? (V. 16) 3. Anderseits aber wie schwer ist es, Gottes Gedanken und Wege zu begreifen! Unter dem vielen Unbegreiflichen aber ist besonders eines: Warum dürfen die Frevler scheinbar ungestraft Gott trotzen? Wie es damit sei, der Psalmist gehört Gott an und will mit den Frevlern nichts gemein haben. So seiner Stellung gewiss, fordert er Gott auf, ihn zu prüfen, jedoch die Bitte beifügend, ihn vor verderblichen Wegen zu bewahren und ihn auf rechten zu führen.
1Zum Ende, ein Psalm Davids.Der Inhalt des Psalmes steht damit nicht in Widerspruch. Indes schrieb man den Psalm schon früh der exilischen oder nachexilischen Zeit zu. - Herr, du erforschest mich und erkennst mich,Vergl. [Jer 17,10]. -2 du kennst mein Sitzen und mein Aufstehen.Das, was ich beim Ruhen und bei der Arbeit (Aufstehen zur Arbeit) denke und rede. -3 Du verstehst meine Gedanken von ferne,Von deinen Höhen herab, wie weit auch der Himmel entfernt ist von der Erde. - du durchforschest meinen Pfad und meinen AnteilHebr.: mein Gehen und mein Liegen prüfest du. Vulg.: Meinen sittlichen Wandel und meinen Wandel nach Maßgabe deiner Gebote durchforschest du. -4 und alle meine Wege siehst du voraus;Ergänze: das du nicht voraussähest. - denn es ist kein Wort auf meiner Zunge.5 Siehe, Herr! du weißt alles, das Neue und das Alte;Die Satzverbindung ist im Hebräischen: denn es ist kein Wort auf meiner Zunge, siehe, Herr, du kennst es ganz. Hinten und vorn schließest du mich ein (ich bin ganz in deiner Macht) und legst deine Hand auf mich. - du hast mich gebildet und deine Hand auf mich gelegt.Symbol der beherrschenden Macht Gottes. [Job 13,21] – Eigentlich: von mir weg, über meine Fassungskraft hinaus. -6 Allzu wunderbar ist dein Wissen für mich; zu hoch ist es, ich vermag nicht es zu erreichen!7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geiste? Und wohin fliehen vor deinem Angesichte?Der Geist ist hier das Wesen Gottes, zu dem seine Allgegenwart gehört; Angesicht: die Weise wie Gott sich dem Menschen zuwendet, dem Gerechten gnädig, dem Sünder im Zorne. -8 Stiege ich zum Himmel empor, so bist du da; stiege ich in die Unterwelt hinab, so bist du da!Im höchsten Himmel, in den tiefsten Tiefen der Unterwelt bist du gegenwärtig. -9 Erhöbe ich bei der MorgenröteVon wo sie erscheint, im Osten. - meine Flügel und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres,Das Meer ist für den Israeliten der Westen, das äußerste Ende des Meeres der äußerste Westen. Hebr.: Erhöbe ich Flügel der Morgenröte – würde ich auch so schnell aufsteigen wie sie, um mich vom äußersten Osten in den äußersten Westen zu begeben; keine Schnelligkeit und keine Entfernung könnte mich dir entziehen. -10 so wird auch dort deine Hand mich leiten und deine Rechte mich lenken.11 Und spräche ich: Vielleicht kann Finsternis mich decken, so wird die Nacht mir Licht bei meiner Freude.Wollte ich hoffen, die Nacht könne mich vor Gott verbergen, ich würde mich getäuscht sehen. Auch die Nacht ließe Licht auf mich fallen, wenn ich hoffte, ungesehen Lüsten frönen zu können. – Hebr.: Finsternis umhülle mich und Nacht sei um mich her das Licht! -12 Denn vor dir ist die Finsternis nicht dunkel und die Nacht hell wie der Tag;Hebr.: So wäre auch die Finsternis für dich nicht finster und die Nacht würde hell sein wie der Tag. Finsternis und Licht sind gleich. (Der letzte Satz ist wohl eine Glosse.) - wie ihre Finsternis, so ist sein Licht!Wie der Finsternis der Tag, so das Licht des Tages. -13 Denn du hast meine NierenDen Sitz meiner Gefühle, mein Innerstes. - in deiner Gewalt;Durch dein Wissen: du kennst mich durch und durch. - du nahmst dich meiner von meiner Mutter Leibe her an.Denn du hast meine Nieren geschaffen, mich umschirmt (nach anderen: mich gewoben) im Mutterleibe. -14 Ich preise dich, dass du so ehrfurchtgebietend bist;Hebr.: Ich preise dich, dass ich erstaunlich wunderbar bereitet bin. - deine Werke sind wunderbar und meine Seele erkennt dies wohl.15 Mein GebeinDie Anfänge meines Leibeslebens. - war nicht verborgen vor dir, das du im VerborgenenIm Mutterschoße. - gebildet hast, noch mein Wesen in der Erde tiefem Schoße.Im Mutterschoße, in dem es so dunkel ist wie in den Tiefen der Erde. -16 Da ich noch unvollendet war, sahen mich deine Augen und in dein Buch sind alleAlle Menschen, die ins Dasein kommen, sind bereits in das Buch [2Mos 32,33] Gottes eingetragen, mit dem, was sie einst sein und was sie tun werden. - verzeichnet; ihre Tage sind bestimmt, ehe noch jemand in denselben da ist.Hebr.: Meinen Knäuel (mich als werdendes Gebilde) sahen deine Augen, und in dein Buch waren sie alle (die Tage, ehe noch jemand wirklich lebte) geschrieben, die Tage, die vorherbestimmt wurden, und keiner derselben war noch da. -17 Aber bei mir sind deine Freunde, o Gott! hoch geehrt, ihr Vorrang ist überaus mächtig geworden.18 Wollte ich sie zählen, so sind ihrer mehr als der Sand; stehe ich auf, so bin ich noch bei dir!Hebr.: Für mich aber – wie schwer sind deine Gedanken, o Gott, wie sind gewaltig ihre Summen! Wollte ich sie zählen, zahlreicher sind sie als der Sand; ich wache auf und noch bin ich bei dir. – Schläft der Sänger am Abend über dem Zählen ein und setzt er es fort im Traumleben der Nacht, so ist er am Morgen erwachend noch bei Gott, ist nicht fertig mit Gottes Werken. – Dieser Text allein passt in den Zusammenhang, nicht der der Septuaginta. -19 O dass du die Sünder töten wolltest, o Gott! ihr Männer des Blutes, weichet von mir!Wunsch, der dem Eifer um Gottes Ehre und der Liebe zur Gerechtigkeit entspringt. Der Dichter weist jede Gemeinschaft ab, die Teilnahme am Bösen bezweckt. -20 Denn ihr sagt bei euch: Deine Städte werden sie vergeblich gewinnen!Hebr.: Es lehnen sich in Bosheit wider dich auf, erheben sich in Arglist (deine Feinde?) Vulg.: Die Gottlosen denken bei sich: Mag Gott den Frommen im Augenblick die Städte Palästinas geben, es ist doch umsonst, wir obliegen dennoch. -21 Sollte ich die nicht hassen, Herr! die dich hassen, und über deine Feinde mich nicht härmen?22 Mit vollstem Hasse hasse ich sie und als Feinde Gottes gelten sie mir.23 Prüfe mich, o Gott!Dass ich dir gehöre. - und erkenne mein Herz, erforsche mich und erkenne meine Pfade24 und siehe, ob ich auf bösem WegeHebr.: auf dem Wege der Pein, - dem Wege des Bösen, auf dem das Glück des Menschen keinen Bestand hat. - bin, und leite mich auf ewigem Wege!Dem Wege, der ewig dauert [Ps 1,6] zu Gott, ins ewige leben führt. – Insofern David der Typus des Heilandes ist, kann man den Psalm als indirekt messianisch ansehen.
Zitiert in 50
Dieses KapitelAmoris Laetitia(§168)Evangelium Vitae(§44·§61·§76·§83·§84)Gaudete Et Exsultate(§51)Spe Salvi(§37)Veritatis Splendor(§10)