1. Klage des Gerechten, dass er, in ein Meer der Heimsuchungen versenkt, umsonst sich abmühe, um Hilfe gegen seine vielen und mächtigen Feinde zu erflehen, obwohl Gott seine Unschuld bekannt sei. (V. 6) Wunsch nach Rettung, damit die Gerechten nicht mit des Gerechten Los gehöhnt werden, da er für Gott, sein Haus und seine Verehrung geeifert und deshalb von seinen Nächsten verlassen und verspottet sei. (V. 13) 2. Der Verhöhnung setzt der Dichter zuerst fortgesetzte Bitte um Befreiung, Anrufung der Erbarmung Gottes und die Schilderung seiner leiden entgegen (V. 22) und ruft sodann Gottes gerechte Strafe auf das Haupt seiner Feinde herab. (V. 29) 3. Gottes Hilfe vorausfühlend, verheißt er Danksagung für dieselbe, über welche sich auch alle Armen freuen werden. (V. 34) Anpassung des Schlusses auf die in die Gefangenschaft Weggeführten.
1Zum Ende, für die, welche umgewandelt werden,Für den Musikmeister nach der Melodie: die Lilien sind ein Zeugnis. - von David.Einige Ausleger wollen in Jeremias den Verfasser erkennen. -2 Hilf mir, o Gott! denn die WasserWasser und Schlamm sind Bild für große Gefahren. - dringen bis an meine Seele.Bedrohen mein Leben. -3 Ich versinke in tiefem Schlamme und kein Grund ist da, ich bin in die Tiefe des Meeres geraten und der Sturm hat mich versenkt.4 Ich habe mich müde gerufen, heiserHebr.: ausgedörrt. - ist meine Kehle geworden; meine Augen schmachten, während ich auf meinen Gott harre.Vor sehnsüchtigem Ausschauen nach Hilfe sind meine Augen verschmachtet. -5 Mehr denn meines Hauptes HaareÜberaus zahlreich. - sind, die mich ohne Ursache hassen; stark geworden sind meine Feinde, die mich ungerecht verfolgen; was ich nicht raubte, soll ich nun erstatten.Sprichwort? Oder allgemeiner: Ich muss leiden, was ich nicht verschuldet. -6 O Gott! du kennst meine Torheit und meine Verschuldungen sind vor dir nicht verborgen.Gott, der in seiner Allwissenheit des Betenden Sünden kennt, weiß, dass er diese Leiden nicht verdient hat. -7 Lass nicht in mir zuschanden werden, die auf dich hoffen, o Herr, Herr der Heerscharen!Die Häufung der Namen sind ebensoviele Hinweisungen und Bitten, die sich an Gottes Ehre und Treue richten. - Lass in mir nicht zuschanden werden, die dich suchen, o Gott Israels!8 Denn um deinetwillen trage ich Schmach,Gott selbst wird in ihm geschmäht. - bedeckt Scham mein Angesicht.9 Ich bin meinen Brüdern fremd geworden und den Kindern meiner Mutter fernstehend.Sie haben sich von mir abgewendet. -10 Denn der Eifer für dein HausUm die Heiligkeit des Heiligtums und um Gott, der in demselben wohnt. - hat mich verzehrtWie ein innerliches starkes Feuer. - und die Schmähungen derer, die dich schmähten, trafen mich.11 Ich hüllteHebr.: Es weinte unter Fasten meine Seele – meine Seele weinte, während ich fastete. - meine Seele in Fasten undDoch. - dies ward zur Schmach für mich.12 Ich machte ein Bußgewand zu meinem Kleide und ward ihnen zum Gespött.Das Trauerkleid ist wie das Fasten Ausdruck des Leides um die allgemeinen Heimsuchungen. -13 Es redeten wider mich, die am Tore sitzen, und die Zecher sangen Spottlieder auf mich.Sowohl am Orte der Gerichtssitzungen und Versammlungen wie bei Trinkgelagen spottete man meiner. -14 Ich aber, o Herr! richte mein Gebet zu dir, die Zeit des Wohlgefallens,Da mein Leiden für dich mit die Gewissheit gibt, dass du mein Flehen wohlgefällig aufnehmen wirst. - o Gott! ist gekommen. Nach der Menge deiner Erbarmungen erhöre mich in deiner treuen Hilfe.In deiner Verheißungstreue, die nicht trügen kann. -15 Rette mich aus dem Schlamme, dass ich nicht versinke; befreie mich von denen, die mich hassen, und aus der Wassertiefe.Wiederaufnahme des Bildes V. 3. -16 Lass die Wasserflut mich nicht überströmen und die Tiefe mich nicht verschlingen noch den Abgrund seinen Rachen über mir schließen!17 Erhöre mich, o Herr! denn gütig ist dein Erbarmen, nach der Fülle deiner Erbarmungen schaue auf mich!18 Und wende dein Antlitz nicht ab von deinem Diener, denn ich bin in Drangsal, eilends erhöre mich!19 Habe acht auf meine Seele und befreie sie, um meiner Feinde willen rette mich!20 Du kennst meine Beschimpfung und meine Schande und meine Beschämung.21 Vor deinem AngesichteDies gehört im Hebr. zu V. 20. - sind alle, die mich bedrängen. Mein Herz ist gewärtig der Schmach und des Elends.Da ich so viele Feinde habe. Hebr.: die Schmach bricht mir das Herz und ich bin erschöpft. - Ich wartete, ob jemand Mitleid hätte, und es fand sich keiner; ob einer Trost spendete, und ich fand keinen.22 Sie gaben mir Galle zur Speise und in meinem Durste tränkten sie mich mit Essig.Sie verbitterten mir noch das Leiden. -23 Möge ihr TischDer gedeckte Tisch ist Bild des äußeren Lebensglückes. - vor ihnen zum FallstrickeIn der Wüste dient eine aufgerollte und auf den Boden gebreitete Decke als Tisch; daher hebr.: Ihr Tisch möge vor ihnen zur Schlinge werden und den Sorglosen (wenn sie am mindesten es ahnen) zum Fallstrick. - werden und zur Vergeltung und zum Verderben!Die furchtbaren Anwünschungen sind nicht Äußerungen der Leidenschaft, sondern des Eifers für Gott und die Gerechtigkeit, der Religiosität. Sie stehen gänzlich unter dem Einfluss der V. 8, V. 10 ausgesprochenen Gedanken. -24 Ihre Augen mögen dunkel werden, dass sie nicht sehen, und ihren Rücken beuge immerdar!Dass sie gebückt (Zeichen der Knechtschaft und des Elends) einhergehen müssen. Hebr.: und ihre Lenden lasse immer wanken; nimm ihnen ihre Kraft und Sicherheit. -25 Gieße deinen Zorn über sie aus und der Grimm deines Zornes treffe sie!26 Möge ihre Wohnung wüst werden und in ihren Hütten niemand mehr wohnen!Der hl. Petrus wendet diesen Vers auf Judas Iskariot als den ersten an, an dem sich der Fluch im N. T. verwirklicht [Apg 1,20], damit [Ps 108,8] verbindend. -27 Denn den du geschlagen,Der also den Menschen ein Gegenstand des Mitleidens sein sollte. - verfolgten sie und zu dem Schmerz meiner WundenHebr.: von dem Schmerz deiner Durchbohrten (die ihr Bekenntnis zu dir mit dem Leben besiegeln) erzählen sie (mit Spott). Es wird eine neue Begründung der Strafanwünschung in diese selbst eingeschoben. - haben sie neue hinzugefügt.28 Lass sie aus einer Sünde in die andere fallenDurch Entziehung deiner Gnade. - und lass sie nicht zu deiner Gerechtigkeit gelangen!Rechtfertigende und heiligmachende Gnade. – Die Folgen zeigt V. 29. -29 Sie mögen aus dem Buche der Lebendigen getilgtDas Buch der Lebenden ist in der hl. Schrift häufig das Bild der Zugehörigkeit zum Reiche Gottes auf Erden und im Himmel. Vergl. [2Mos 32,32]. - und mit den Gerechten nicht verzeichnet werden!30 Ich bin arm und voller Schmerzen, deine Hilfe, Gott, wird mich schirmen.Zuversicht -31 Ich will den Namen Gottes in Liedern preisen und ihn verherrlichen mit Lobgesang.32 Das wird Gott mehr gefallen als ein junger Stier, dem Hörner und Klauen wachsen.Diese Eigenschaften bezeichnen ihn als zum Opfer geeignet. Nach jüdischer Tradition galt als das Alter eines opferfähigen Stieres dasjenige bis zum dritten Lebensjahre. Klauen spaltend sind die reinen Tiere. Also selbst das vollkommenste Tieropfer steht bei Gott nicht so hoch wie der aus dem Herzen kommende dankbare Lobgesang. -33 Die ArmenDie Dulder, die Schicksalsgenossen des Psalmisten. - sollen es sehen und sich freuen; suchet Gott, so wird eure Seele aufleben.Hebr.: Sehen es die Elenden, so freuen sie sich, sie, die Gott suchen, - auflebe euer Herz! -34 Denn der Herr hört auf die Armen und verachtet seine Gefangenen nicht.Nimmt sich ihrer vielmehr hilfreich allezeit an. -35 Es lobe ihn Himmel und Erde, das Meer und alles, was sich darin regt!Die belebte und die unbelebte Natur lobe Gott! – V. 35ff sind wohl von nach Babylon Weggeführten beigefügt. -36 Denn Gott wird Sion helfen und Judas Städte werden aufgebaut werden und sie werden daselbst wohnen und es als Erbe in Besitz nehmen.37 Und die Nachkommen seiner Diener werden es zum Besitze erhalten, und die seinen Namen lieben, werden darin wohnen.Der Psalm ist wohl von David über einen leidenden Gerechten überhaupt verfasst, der um der Sache Gottes willen Schmach und Leiden zu erdulden hat. Verschiedene Züge hat der Psalmist alsdann aus Lagen aufgenommen, in die er selbst gekommen ist. Der Psalm ist wenigstens typisch messianisch, da die Behauptung des Theodorus von Mopsuestia, die Apostel hätten den rein historischen Psalm Christus akkommodiert, auf dem fünften allgemeinen Konzil verworfen ward. Nach einigen ist er ausschließlich messianisch (doch wäre alsdann V. 6 schwer zu erklären). Im Neuen Testamente werden angeführt: V. 5: ohne Maß hassten die Feinde des Herrn den Heiland [Joh 15,25], V. 10 als der Heiland die Verkäufer aus dem Tempel trieb. [Joh 2,17] Der Heiland trug willig, uns ein Vorbild, die Schmach V. 10b. [Roem 15,3] An Judas ging der Fluch V. 26a in Erfüllung [Apg 1,20], die derzeitige Verwerfung Israels ist in V. 23 ausgesprochen und nach [Roem 11,9ff] erfüllt. Aber weist nicht auch (um auf die Stellen zu kommen, welche im N. T. nicht angeführt werden) V. 13 auf die Verhöhnung des Heilandes [Mt 27,27ff], V. 22 auf die Darreichung von Essig und Galle [Mt 27,34] und den Schwamm [Joh 19,29]? Und blickt nicht [Joh 19,30] auf Vers 22 zurück? So hat also der heilige Geist selbst das, was David sagen wollte, zum Wort der Weissagung auf das Zukünftige gestaltet.