Römer 12

III. Ermahnender Teil: Verschiedene Vorschriften und Mahnungen. (Kap. 12 – 15) 1. Einige von allen zu beachtende Pflichten. (Kap. 12,1 – Kap. 13,14): a. Die Bescheidenheit im religiösen Leben. (V. 8) b. Die wahre Liebe gegen alle im Privatleben.

Darum Was für den Leib das Auge ist, ist für die Seele der Glaube. Wie aber das Auge der Hände und der Füße und anderer Glieder bedarf, so der Glaube der tätigen Tugend (Theod.). Zu dieser also will der Apostel nunmehr ermahnen, indem er einige Punkte berührt, welche für die römische Kirche besonders wichtig schienen. - beschwöre ich euch, Brüder! um der Barmherzigkeit Gottes willen, Die ich geschildert und die ihr erfahren habt. - dass ihr eure Leiber Da die Sinne für den Menschen der Anfang des Verderbens zu sein pflegen, muss jeder, der nach der christlichen Vollkommenheit strebt, diese vor allem der Herrschaft der Vernunft unterwerfen. - als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Im A. B. wurden die Opfer im Tempel dargestellt, um getötet zu werden; wir sollen unseren Leib als ein lebendiges Opfer darbringen, da in der Taufe der alte Mensch stirbt und der neue mit Christus aufersteht. So können wir auch ein heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer sein. - Opfer darstellet, so dass euer Gottesdienst geistig sei. Ein solcher Gottesdienst ist geistig, im Gegensatze zu einem äußerlichen, oder durch blutige Opfer geübten. - Und werdet Noch viel mehr als der Leib ist die Seele dem Dienste Gottes zu weihen (Aug.). Der Apostel verlässt das im 1. Verse gebrauchte Bild. - dieser Welt nicht gleichförmig, V. 2 enthält eine doppelte Vorschrift. Die Welt ist die noch in Sünde liegende, der Erlösung noch nicht teilhaftig gewordene Welt. Ihr seid Kinder Gottes geworden, werdet nicht den Kindern dieser Welt ähnlich. - sondern wandelt euch um durch die Erneuerung eures Geistes, Es wird hier das praktische Urteil bezeichnet, welches uns geneigt macht, das Böse zu fliehen und das Gute zu tun. Dieses Urteil wird in dem noch nicht wiedergeborenen Menschen durch die in dem Fleische wohnende Sünde geschwächt, aber auch in dem wiedergeborenen durch die Begierlichkeit angefochten. Der Apostel mahnt uns also, wiederum jene Gestalt und Schönheit des Sinnes anzunehmen, den Adam vor dem Falle besaß (Bas., Thom.). - damit ihr prüfet, Damit ihr sorgfältig erforschet und genau erkennet. Nur wer ganz in Gottes Bild umgewandelt ist, vermag in jeder einzelnen Sache, die wir denken, reden, tun, zu sagen, ob dies gerade dem Willen Gottes entspricht (Orig.). Wie der, dessen Gaumen krank ist, kein richtiges Urteil über die Speisen hat, sondern das Süße verschmäht, das Widerstehende liebt, hingegen der, dessen Gaumen gesund ist, ein rechtes Urteil über den Geschmack hat, so kann auch der Mensch, dessen Herz den Dingen dieser Welt gleichförmig ist, kein richtiges Urteil über das Gute haben, sondern nur der, der durch die Gnade erneuert ist. - was der Wille Gottes, was gut, wohlgefällig und vollkommen sei. Die drei Adjektive enthalten eine gewisse Steigerung. Gott stellt uns drei Dinge vor: gute, bessere, vollkommene. Heiraten ist gut, jungfräulich bleiben besser, den Freund lieben gut, ihm wohltun besser, den Feind lieben vollkommen! Ein Christ darf nicht nur das Gute tun, er muss auch nach dem Besseren und Vollkommenen trachten. So ist also das Wohlgefällige das, was einem Rate entspricht. - Denn ich sage, vermöge der Gnade, die mir gegeben ist, Wie der Apostel seiner allgemeinen Mahnung durch den Hinweis auf die Barmherzigkeit Gottes Nachdruck verlieh, so seinen besonderen Vorschriften durch den Hinweis auf sein Amt. Ich sage: ich schreibe vor. Vermöge der Gnade: nämlich des Apostelamtes. - allen, die unter euch sind, nicht höher von sich zu denken, als sich geziemt, sondern gerecht von sich zu denken, nach dem Maße des Glaubens, das Gott einem jeden zugeteilt hat. Vielleicht veranlasst der Stand der Kirche zu Korinth, in der er weilt, den Apostel, die Mahnung zur Demut voranzustellen. Der Apostel erklärt sein verbot durch Verneinung und Bejahung. Das Maß sind die Gnadengaben, welche die Früchte des Glaubens sind (Orig., Chrys., Theod., Sed.) und den einzelnen zum Heile der Kirche gegeben werden. - Denn sowie wir an einem Leibe viele Glieder haben, alle Glieder aber nicht dieselbe Verrichtung haben, so sind wir, die vielen ein Leib in Christus, die einzelnen aber einer des andern Glieder. Soweit ein Glied durch seine Kraft und Tätigkeit einem anderen nützt, heißt es dessen Glied (Thom.). Zwei Dinge folgen aus dem Vergleiche: die einzelnen Gläubigen haben verschiedene Stellungen und Pflichten, und nicht jeder ist zu allem geeignet. Zweitens sollen die Gläubigen jene Stelle ausfüllen, für welche sie durch die besondere Gnadengabe bestimmt und ausgestattet sind, um sich alles anderen zu enthalten. - Wir haben aber Gaben, die nach der uns verliehenen Gnade verschieden sind. Ist es die Gabe der Weissagung, so werde sie gebraucht nach der Richtschnur des Glaubens; hat jemand ein Amt, Es handelt sich nicht um die in der Kirche ständigen Ordnungen und Ämter, sondern um die außerordentlichen Gnadengaben, welche der ersten Kirche verliehen waren. Die Ämter werden zum Teil bald aufgezählt. - der bleibe bei seinem Amte; wer lehrt, bleibe bei der Lehre; wer ermahnt, beim Ermahnen; wer spendet, spende in Einfalt; Wer die Gnadengabe hat, Almosen auszuteilen usw. Es gibt so viele Gnadengaben, als die Gläubigen geistige oder leibliche Bedürfnisse haben, für deren Hebung jene gewährt werden. Weder hier, noch an anderer Stelle will der heil. Paulus alle aufzählen. - wer Vorsteher ist, sei es mit Eifer; wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freudigkeit. Die Propheten reden aus Eingebung des heil. Geistes, die Lehrer bisweilen nach eigener Einsicht; die ersteren werden inspiriert, um die Gläubigen zu erbauen, zu mahnen zu trösten, die Lehrer haben die Wissenschaft der Rede, damit sie diejenigen christlichen Lehren, welche allen zu wissen notwendig sind, klar erklären und beweisen. Über das Amt des Ermahners ist sonst nichts bekannt. Diejenigen, welche spenden, geben nach dem Griech. aus dem Ihrigen. Sie geben in Einfalt, wenn sie nicht auf sich schauen, sondern nur die Not des Bruders heben und Gottes Ehre, um dessentwillen sie die Brüder lieben, fördern wollen. Die Vorsteher sind nicht die gewöhnlichen kirchlichen Oberen, sondern solche, welche durch eine besondere Gnadengabe Helfer der Armen, besonders der Witwen und Waisen sind. Barmherzigkeit Übende sind solche, welche sich ganz der Pflege der Kranken, Gefangenen, Pilger usw. widmen, wie etwa jetzt die krankenpflegenden Orden. Ein solcher bedarf innerer und äußerer Heiterkeit, damit er weder selbst unterliege, noch den Kranken lästig sei. - Die Liebe sei ungeheuchelt: Von den Gnadengaben geht der heil. Paulus wie [1Kor 12,31, 1Kor 13,1ff] zu einer höheren Gabe über. Die Liebe gegen Gott (V. 11, 12) suche das, was Gott gefällt (Orig.), und offenbare sich gegen den Nächsten nicht in Worten allein, sondern in Werken. - das Böse verabscheuend und an dem Guten festhaltend. Seid einander mit brüderlicher Liebe zugetan, kommet einander mit Ehrerbietung zuvor. Nichts ist wahrer Liebe so zuwider, wie der Hochmut. Wenn wir unsere Fehler und die Tugenden des Nächsten erwägen, ist es nicht schwer, dem Nächsten mit Achtung zuvorzukommen. - Seid nicht träge im Eifer; seid inbrünstig im Geiste; dienet dem Herrn. Der Feuereifer der Christen soll sich im Dienste des Herrn zeigen. - Seid fröhlich in der Hoffnung; seid geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebete. Die Hoffnung auf die Seligkeit macht fröhlich, da ihr Grund die göttliche Treue ist (Thom.). Aus [Roem 5,3] erhellt, darf dieselbe nicht wenig durch die Standhaftigkeit, mit der wir die Heimsuchungen dieses Lebens ertragen, gemehrt wird. Daher fügt der Apostel die Mahnung der Standhaftigkeit hinzu. Diese ist die Frucht einer besonderen Gnade, die Gnade aber wird durch das Gebet erlangt. - An den Bedürfnissen der Heiligen nehmet Anteil, Der heil. Paulus kommt auf die Liebe zurück. Habet gleichsam euer Vermögen mit ihnen gemeinsam (Orig.). - befleißet euch der Gastfreundschaft. Diese ist allen Christen notwendig, nicht allein den Bischöfen [1Tim 3,2, Tit 1,8]. Wir sollen selbst Gastfreunde aufsuchen wie Lot, damit diese nicht etwa ohne Dach bleiben, mahnt der Apostel. - Segnet, die euch verfolgen; segnet und fluchet nicht. Freuet euch mit den Fröhlichen, weinet mit den Weinenden. Alles, was unsere Brüder angeht, sollen wir ansehen, als beträfe es uns selbst. Niemand hat ein so steinernes Herz, dass er nicht mit denen weinen sollte, die im Unglücke sind; aber wahrhaft großherzig ist der, welcher den Glücklichen nicht nur nicht beneidet, sondern sich mit ihm freut (Chrys.). - Habet einerlei Gesinnung gegen einander; Seid gleichgesinnt gegen euch und andere, und stellt weder euch, noch andere höher, weil sie an Vermögen oder Ehren oder anderen solchen Dingen hervorragen, sondern schauet nur auf eines: sie sind Glieder Christi (Chrys., Orig., Theoph.). - trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern lasset euch herab zum Niedrigen. Zwei Dinge schreibt der heil. Paulus hier vor: nicht das zu suchen, was die Welt hochschätzt, vielmehr das anzunehmen, was bei ihr als verächtlich gilt. - Haltet euch nicht selbst für klug. Ein Mensch, der sich selbst für klug hält und niemandes zu bedürfen glaubt, ist törichter als alle. Sein Zorn wird Gott zum Zorne reizen (Chrys.). - Vergeltet niemanden Böses mit Bösem; befleißet euch des Guten nicht nur vor Gott, sondern auch vor allen Menschen. Wie muss die Liebe sich gegen alle Menschen zeigen, besonders gegen die Feinde der Christen? Sie muss jede Privatrache meiden und eifrig das Gute tun, um so auch die Ungläubigen zu erbauen und dazu zu bringen, den himmlischen Vater zu loben. - Wenn es möglich ist, so habet, soviel an euch liegt, mit allen Menschen Frieden. Gegen unseren Willen können andere den Frieden stören, so dass wir denselben nicht bewahren können, wollen wir nicht die größeren Pflichten der Gerechtigkeit, Wahrheit und Frömmigkeit verletzen. Soviel an uns liegt, sollen wir aber auch dann tun, was zur Wiederherstellung des Friedens beiträgt. - Schaffet euch nicht selbst Recht, Geliebteste! Wie sollen wir unsere Gegner durch Wohltaten überwinden? Da das Gebot der Feindesliebe ein schweres ist, ruft der Apostel seinen Lesern seine eigene Liebe zu ihnen in's Gedächtnis: Geliebteste! - sondern gebt dem Zorngerichte Gottes. (Chrys., Aug.) - Raum; denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr, wenn dein Feind hungert, so speise ihn; wenn er dürstet, so tränke ihn; denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. [Spr 25,21ff] Durch ihre Wohltaten sollen die Gläubigen die Erinnerung an das ihnen widerfahrene Unrecht derart in's Gedächtnis zurückrufen, dass der Gegner so heftigen Schmerz empfindet, als wenn glühende Kohlen auf seinem Haupte brennen möchten (Orig., Aug., Hier., Thom.). - Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde durch das Gute das Böse! Wenn jemand durch ein Unrecht, das ihm angetan ist, dazu gebracht wird, dem Gegner gleichfalls etwas Übles zuzufügen, so zieht das Böse ihn zum Bösen und besiegt ihn. Hingegen wenn der Gute den Gegner durch Wohltaten bewegt ihn zu lieben, besiegt er das Böse (Thom.).

Zitiert in 234