Johannes 11

Der Heiland geht nach Bethanien, um durch die Auferweckung des Lazarus den Glauben seiner Jünger zu stärken. (V. 15), sich als das Leben und die Auferstehung zu zeigen (V. 27) und Gottes Macht zu offenbaren. (V. 40) Auferweckung des Lazarus und Glauben der Anwesenden. (V. 45) Der hohe Rat beschließt den Tod des Heilandes und gebietet allen, seinen Aufenthaltsort anzugeben. Jesus zieht sich in die Stadt Ephrem zurück.

Es war aber ein Kranker mit Namen Lazarus, Über den Namen siehe [Lk 16,Anm. 27]. Lazarus tritt mit seinen Schwestern hier zum ersten Male in die Geschichte ein. Nach der Überlieferung war er damals 30 Jahre alt und lebte noch andere 30. Er soll unter den 120 gewesen sein, welche am Pfingstfest den Heil. Geist empfingen, und nach der [Apg 8,3] berichteten Zerstreuung der Jünger in das Abendland gekommen sein. Marseille verehrt ihn als einen der ersten Glaubensboten in Südfrankreich. - von Bethania, Siehe [Mt 21,17]. - dem Flecken der Maria, und Martha, ihrer Schwester. (Maria war diejenige, die den Herrn mit Balsam gesalbt, Der Apostel weist auf die [Lk 7,36-50] erzählte Salbung hin, durch welche die vorangestellte Maria bekannter war. Gleichzeitig will der Evangelist wohl das Verhältnis des Heilandes zu der Familie schildern. - und seine Füße mit ihren Haaren getrocknet hatte, deren Bruder Lazarus krank lag.) Da schickten seine Schwestern zu ihm, und ließen ihm sagen: Herr! siehe, der, den du lieb hast, Den du deiner besonderen Freundschaft würdigest. - ist krank. Den Schluss aus der Botschaft zu ziehen, überlassen sie dem Heilande: Du liebst nicht so, dass du den Geliebten verlassen könntest (Aug.). - Als Jesus dies hörte, sprach er zu ihnen: Jesus gibt keine ausdrückliche, aber immerhin eine stillschweigende Zusage (Chrys.). Die Schwestern werden durch den trotzdem eintretenden Tod des Bruders auf eine harte Probe gestellt, verlieren aber das Vertrauen zu Jesus nicht. - Diese Krankheit ist nicht zum Das Ziel Gottes bei dieser Krankheit ist nicht der bleibende Tod. - Tode, Der Tod im strengsten Sinne, von dem es vor dem jüngsten Tage keine Rückkehr gibt (Euth.). - sondern zur Ehre Gottes, Diese Krankheit und der Tod als Folge derselben sind darum vorhanden, dass Gott durch die Erweckung des Toten seine göttliche Macht offenbare. Der Vater wird im Sohne verherrlicht, der das Werk Gottes ausführt. Andere Ausleger erklären: Diese Krankheit hat die Verherrlichung Gottes bei den Menschen zum Ziele, die darin besteht, dass der Sohn verherrlicht wird (Aug.). Jesus spendete dem Boten der Schwestern und den Jüngern Trostworte, aber sie sind, wie die Wege der göttlichen Vorsehung, geheimnisvoll und dunkel, ob auch voll der Liebe. - damit der Sohn Gottes durch sie verherrlichet werde. Jesus aber hatte die Martha, und ihre Schwester Maria, und den Lazarus lieb. Auch die von Gott geliebten Personen trifft Krankheit und Leiden (Cyr., Chrys.), die aber nach seiner Vorsehung zu ihrem Besten gereichen. Die Bemerkung des Evangelisten soll zeigen, dass nicht Gleichgültigkeit, sondern höhere Rücksichten den Heiland noch zurückhalten. – Als er nun vernommen hatte, dass er krank sei, blieb er gleichwohl noch zwei Tage an dem Orte, wo er war; Jesus wartet noch zwei Tage, damit eine längere Zeit zwischen Tod und Auferstehung verfließe und es so gewisser werde, dass Lazarus wahrhaft tot gewesen (Cyr., Chrys., Aug.) – hierauf aber sprach er zu seinen Jüngern: Lasset uns wieder nach Judäa D. h. nach Bethania in Judäa. Der Herr befand sich in Peräa. - gehen! Die Jünger sprachen zu ihm: Meister! eben erst suchten dich die Juden zu steinigen, und du gehst wieder dorthin? Die Jünger fürchten für den Herrn oder auch für sich selbst. Vergl. [Joh 10,31.39]. - Jesus antwortete: Sind nicht zwölf Stunden im Tage? Die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, die Zeit seines Wandels auf Erden, in der die Juden ihm nichts antun können. Die Nacht ist die Zeit seines Leidens und Sterbens. Schon neigt sich der Tag, aber noch ist die Stunde des Herrn nicht gekommen. - Wenn jemand bei Tage wandelt, so stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; Vergleiche dasselbe Bild [Joh 9,4]. - wenn aber jemand bei Nacht wandelt, so stößt er an, Der Heiland kann der Gefahr nicht mehr ausweichen, weil er selbst und der Vater es so will. - weil das Licht nicht in ihm ist. In anderer Form dasselbe wie V. 9. - Dieses sagte er, und darnach sprach er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; Der Heiland nennt den Tod des Lazarus einen Schlaf, weil er vorhatte, ihn zum Leben zurückzurufen. Vergl. [Mt 9,24] „Für den Heiland schlummerte der Freund nur, für die Menschen war er tot.“ (Aug.) Der Tod der Gläubigen wird oft in der Heil. Schrift [Mt 27,52, Apg 7,59, Apg 13,36, 1Kor 7,39, 1Kor 11,30, 1Kor 15,6.20.51, 1Thes 4,13-15, 2Petr 3,4] und in der Sprache der Kirche als Schlaf bezeichnet, weil dieses Wort den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und an die Auferstehung des Leibes auf die beste Weise zum Ausdruck bringt. Der Heiland will seine Jünger auf die Auferstehung vorbereiten, geheimnisvoll redend wie V. 4. - aber ich gehe, Aber ich will ihn auferwecken, und darum gehe ich hin. Vergl. V. 8. - dass ich ihn aus dem Schlummer wecke. Da sprachen seine Jünger: Herr! wenn er schläft, Die Jünger blieben, wie oft, an dem letzten Ausdruck hängen, um so lieber, als sie so einen neuen Vorwand zu haben glaubten, die Reise in die Nähe von Jerusalem zu verhindern (Cyr., Chrys.): Lazarus wird nach dem natürlichen Verlaufe der Krankheit gerettet werden, ohne dass du nötig hast, dich der Gefahr auszusetzen. - so wird er gesund werden. Jesus aber hatte von seinem Tode gesprochen; sie dagegen meinten, er rede von dem Schlummer des Schlafes. Erklärung des Evangelisten. - Darum sagte nun Jesus es ihnen gerade heraus: Lazarus ist gestorben; und ich freue mich euretwillen, Christus freut sich seiner Jünger wegen, denen die größere Offenbarung der göttlichen Macht ein Mittel zur Glaubensstärkung werden soll (Cyr., Thom.), eine Stärkung deren sie wegen der Nähe der Leidenswoche wohl bedürfen. - dass ich nicht dort war, damit ihr glaubet. Damit ihr im Glauben wachset. - Aber lasst uns zu ihm gehen! Da sprach Thomas, welcher Zwilling Hebr. Thoma. Nach der Überlieferung hatte er eine Zwillingsschwester mit Namen Lysia. Johannes erwähnt ihn noch dreimal [Joh 14,5, Joh 20,24, Joh 21,2], die Synoptiker je einmal in den Apostelverzeichnissen, ebenso die Apostelgeschichte. [Apg 1,13] Nach der Eusebius aufgezeichneten Nachricht des Origenes verkündete er das Evangelium in Parthien, d. i. in den Ländern zwischen Euphrat und Indus. - genannt wird, zu seinen Mitjüngern: Gehen auch wir, mit ihm zu sterben! Die Antwort des Thomas setzt Zweifel oder Unkenntnis der Macht Jesu voraus. Wohl zeigte er große Liebe für Jesus, aber zugleich, dass er den früheren Ausspruch des Herrn (V. 9, V. 10) nicht verstanden hat. Er ist zu Zweifeln geneigt. [Joh 14,5, Joh 20,25], aber sein Glaube ist nach gewonnener Überzeugung um so fester. [Joh 20,28.29] - Jesus kam also dahin und fand ihn bereits vier Tage im Grabe liegend. Von Peräa hatte Jesus einen Weg von 9 - 10 Stunden (36 - 40 Kilom.), der unter Umständen am einem Tage zurückgelegt werden konnte. Ist der Tod am gleichen Tage, an dem die Botschaft den Herrn traf, erfolgt und das Begräbnis an eben demselben vorgenommen worden, was sehr wahrscheinlich ist, so ist dieser Tag mitzuzählen. - (Bethania war aber nahe bei Jerusalem, ungefähr fünfzehn Stadien Daraus, dass Jerusalem so nahe lag, erklärt sich, warum so viele Besucher kommen konnten. 15 Stadien sind etwa 3 Kilometer, gegen 3/4 Stunden Weges. - entfernt.) Und es waren viele Juden zu Martha und Maria gekommen, um sie ihres Bruders wegen zu trösten. Während der 7 Tage dauernden Trauerzeit kamen Verwandte und Bekannte, die Leidtragenden zu trösten. Es wurde das Brot der Trauer und der Becher der Tröstung gereicht. [5Mos 26,14, Hos 9,4, Ez 24,17.22, Spr 31,6, Tob 4,18] Hieraus entstanden später Leichenschmausereien. [Jer 16,7, 2Sam 12,17] - Sobald nun Martha hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen; Maria aber saß Beileidsbesuche wurden sitzend empfangen. - zu Hause. Sie wird ihre Schwester erst gerufen haben, nachdem diese mit dem Heilande gesprochen und Hoffnung geschöpft hat (Cyr., Theoph.). - Da sprach Martha zu Jesus: Herr! wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Martha machte dem Heilande wohl einen leisen Vorwurf. Ob es ihr nicht in den Sinn kommt, dass der Heiland auch aus der Ferne helfen kann? - Doch auch jetzt Auch jetzt, wo der Bruder gestorben, hegt sie die feste Überzeugung, Gott werde dem Herrn alles gewähren, um was er ihn bitten werde. Ohne Zweifel wusste Martha von der Auferweckung der Tochter des Jairus und des Jünglings zu Naim, zudem gedachte sie der durch die Botschaft (V. 4) erhaltenen Zusage. - weiß ich, was du immer von Gott begehrest, das wird Gott Ob Martha in dem Heilande mehr sah als einen von Gott besonders Begnadigten? (Cyr., Chrys.) - dir geben. Der Klage folgt der Glaube, diesem die Hoffnung und der Wunsch. Indes redet Martha im allgemeinen und wagt nicht ausdrücklich den Wunsch auszusprechen, dass Lazarus vom Tode erweckt werde. - Jesus sprach zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Der Heiland will ihren Glauben fördern und redet zunächst so allgemein, dass Martha nicht erkennen kann, ob die allgemeine oder die jetzige Auferstehung gemeint sei. Sie soll sich bestimmter erklären und auch an die jetzige Auferstehung glauben. - Martha sprach zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am jüngsten Tage. Allerdings, am jüngsten Tag wird er auferstehen, aber -. Das Folgende wagt sie noch nicht zu sagen. - Jesus sprach zu ihr: Jesus will Martha durch den Glauben an die allgemeine Auferstehung zum Glauben an die Erfüllung ihrer Bitte führen: Jene wird durch ihn bewirkt werden, also liegt es in seiner Macht, auch diese herbeizuführen (Aug.). - Ich Mit gegensätzlicher Beziehung zu V. 22: Ich, der Sohn Gottes, der Messias. - bin die Auferstehung Die leibliche und die geistige Auferstehung. - und das Leben; Das wahre, ewige Leben. Jesus ist die Auferstehung, d. i. der Erwecker vom Tode, das Leben, d. i. der Spender des Lebens, welches als die Folge der Auferstehung dem Auferweckten selber innewohnt. - wer an mich glaubt, Im Glauben, der sich in der Liebe tätig erweist. - wird leben, In der glückseligen Ewigkeit. - selbst wenn er gestorben ist; Leiblich, wie Lazarus. - und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. Der Nachdruck liegt auf den letzten Worten. Beide sterben, der Christusgläubige und der Ungläubige, aber der erstere stirbt nicht für immer. Er erwacht zum ewigen Leben; der andere erwacht zwar auch, aber zum ewigen Tode. Wer sich gläubig an Jesus anschließt, ist mit Christus durch Glaube und Buße vom Tode der Sünde auferstanden zum Leben der Seele. Mit dieser geistigen Auferstehung ist aber auch der Keim des Verklärungsleibes in den Wiedergeborenen gelegt worden, der, genährt durch die hl. Eucharistie, bei der allgemeinen Auferstehung zur vollen Entfaltung gelangen wird. So gibt die Auferstehung vom Sündentode der Seele neues Leben, die leibliche Auferstehung dem Leibe. - Glaubst du das? Sie soll den Glauben bekennen und dadurch gewissermaßen die Auferweckung ihres Bruders verdienen. Öfter verlangt der Herr den Glauben der Angehörigen dessen, dem er eine Wohltat erweisen will, ein Beweis, dass die guten Werke der Gläubigen auch anderen helfen sollen. Vergl. [Mt 9,2]. - Sie sprach zu ihm: Ja, Herr! ich glaube, Griech.: Ich habe geglaubt, ich bin zum Glauben gelangt, der auch jetzt noch fortdauert. - dass du Christus, Christus, der Messias. - der Sohn des lebendigen Gottes bist, der in diese Welt gekommen ist. Martha hat noch kein volles Verständnis der Worte des Herrn, indes bekennt sie den Glauben an eine Wahrheit, welche die in Frage stehende einschließt (Aug., Thom.). Sie bekennt, dass Jesus der Messias, der von Gott gesandte Sohn und dass seine Lehre, dass er die Auferstehung und das Leben ist, mithin wahr ist. Aber auch jetzt bekennt sie nicht ausdrücklich, was sie bekennen sollte: du wirst meinen Bruder auferwecken. - Und als sie dies gesagt hatte, ging sie hin, rief leise Auch Maria soll ungestört von den Juden die tröstliche Freude genießen. Die Juden folgen ihr erst später. - ihre Schwester Maria, und sprach: Der Meister ist da, und ruft dich. Der Auftrag Christi ist nicht besonders erwähnt (Aug., Theoph.). - Da diese es hörte, stand sie eilends auf, Die Eile kennzeichnet die innige Liebe Maria's zum Heilande. Wenn Jesus ruft, gibt es keinen Aufschub. - und kam zu ihm. Denn noch war Jesus nicht in den Flecken gekommen, sondern war noch an der Stätte, wo ihm Martha entgegengekommen war. Da die Juden, welche bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria eilends aufstand und hinausging, folgten sie ihr nach, Wie wunderbar fügt es Gott, dass die Juden ohne zutun des Heilandes, und ohne eigene Absicht unverdächtige Zeugen des Wunders werden! (Euth.) - indem sie sagten: Sie geht zu dem Grabe, um dort zu weinen. Man besuchte während der Trauerzeit das Grab öfter. - Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, fiel sie ihm zu Füßen, Maria bekundet zuerst ihre innige Liebe und Verehrung durch die Tat, dann bekennt sie mit denselben Worten wie ihre Schwester den festen Glauben an die Macht der Bereitwilligkeit des Heilandes, zu helfen. - sobald sie ihn sah, und sprach zu ihm: Herr! wärest du hier gewesen, so würde mein Bruder nicht gestorben sein. Jesus antwortet nicht durch Worte, aber durch Taten. - Da nun Jesus sah, wie sie weinte, und wie die Juden, welche mit ihr gekommen waren, weinten, erschauerte er Die tiefe Gemütsbewegung des Herrn gibt sich auch nach außen kund. Nach einigen ist die Ursache des Erschauerns und der Tränen die Erwägung, dass der Tod der Sünde Sold ist (Theod., Thom.). - im Geiste, Im innersten Wesen seiner menschlichen Natur. - und erbebte innerlich, Als Mensch ist Jesus aller rein menschlicher Gefühle fähig, doch stehen diese bei ihm völlig unter der Herrschaft des Geistes und nicht umgekehrt, wie dies häufig bei uns stattfindet. - und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Jesus fragt, um die Aufmerksamkeit der Angeredeten zu erregen, Er fragt menschlich, aber erweckt Lazarus göttlich (Athan.). - Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und siehe! Und Jesus weinte. Das griechische Wort kennzeichnet den Gegensatz zu der Gefühlsäußerung des Herrn und dem lauten Klageweinen Maria's und der Juden. Der Heiland fühlt als wahrer Mensch den gegenwärtigen Schmerz mit, auch wenn er weiß, dass bald ein anderes Gefühl denselben verdrängen wird. Wie trostreich ist dies für uns! Alles Leiden dieser Erde nimmt ein Ende, alle Trübsal der einzelnen hat ihr Ziel und Maß. Gott weiß dies, und dennoch sieht er teilnehmend auf unsere jeweilige, wenn auch bald vorübergehende, ja in seinem Ratschlusse bereits aufgehobene Not. Dieses Weinen über den Toten bezeugte auch, dass derselbe wirklich tot war, denn über einen Schlafenden weint man nicht. - Da sprachen die Juden: Sehet, wie lieb er ihn hatte! Einige aber von ihnen sagten: Hätte nicht der, welcher die Augen des Blindgebornen geöffnet hat, machen können, dass dieser nicht stürbe? Nach vielen Erklärern (Chrys., Euth., Theoph., u. a.) sind es feindselige Juden, die so reden und den Heiland verhöhnen. Zugleich soll in dem Hervorheben der Ohnmacht Jesu gegenüber dem kranken Freund auch ein Zweifel an dem Wunder der Blindenheilung liegen. Wahrscheinlicher indes ist es wohl, dass die Juden nicht so eine böswillige Gesinnung kundgeben, als vielmehr ihr Befremden und Mitleid äußern, dass der Herr den Lazarus nicht vor dem Tode bewahrt habe. Der Freund sollte, wenn er konnte, den Freund vor dem Tode bewahrt haben. Der Herr wollte Lazarus sterben lassen, weil er höhere Absichten hatte, denn die Allmacht zeigte sich ungleich klarer in der Auferweckung des Toten, als in der Bewahrung vor dem Tode. - Da erschauerte Jesus abermal in sich selbst, und kam zu dem Grabe. Es war aber eine Höhle, und ein Stein war darauf gelegt. Die Gräber waren meistens in den Fels gehauene Grabkammern. - Jesus sprach: Hebet den Stein weg! Da sagte Martha, die Schwester des Verstorbenen zu ihm: Herr! er riecht schon, denn er liegt vier Tage. Martha erwartet die Erweckung ihres Bruders nicht mehr, sondern meint, Jesus wolle dessen Leiche noch einmal sehen. Der natürliche Schauer vor dem Gedanken, den ganz entstellten geliebten Bruder („des Verstorbenen Schwester“) ansehen zu müssen, drängt bei Martha momentan alle anderen Gefühle und Gedanken zurück. Sie will dem Heilande den Anblick des Toten und die unangenehme Geruchsempfindung, welche ein verwesender Leib erregt, ersparen. Dieser Gedanke lässt sie auch die trostvollen Verheißungen des Heilandes vergessen. Ähnlich ist das Verhalten der Jünger bei der Nachricht von der Auferstehung des Herrn, die doch mehrfach und ausdrücklich vorausverkündet war. [Mk 16,11.13]. - Jesus sprach zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, In dem bedingten „Wenn“ liegt ein leiser Tadel, dass sie die frühere Verheißung des Herr vergessen hat. - so wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Jesus erinnert Martha an das, was er V. 23 - 26 von der Auferstehung und dem Glauben gesagt hat. Nicht um das Grauen des Todes, sondern um die Macht Gottes zu zeigen, soll sich das Grab öffnen. So vereinigt das gütige Wort des Heilandes den schonendsten Tadel mit dem erhabensten Troste. - Sie hoben also den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen zum Himmel und sprach: Vater! ich danke dir, dass du mich erhört hast. Entsprechend dem feierlichen Augenblicke spricht der Heiland das folgende Dankgebet, dem also wohl ein innerliches Bittgebet vorangegangen war, mit zum Himmel gerichteten Blicken, um schon durch seine Haltung anzudeuten, dass hier himmlische, göttliche Macht wirksam sei. - Ich aber wusste, dass du mich allezeit erhörest; jedoch um des Volkes willen, das herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. „Dass du mich erhört hast“: Dies sage ich nicht, als ob du mich nur in gewissen Fällen erhörtest, sondern deswegen sage ich für die Erhörung öffentlich Dank, damit die Umstehenden erkennen, dass du mich gesandt hast, dies Werk zu vollbringen. Es lag gerade daran sehr viel, dass die Juden auch in diesem Wunder die innige Verbindung zwischen Gott und Jesus erkannten und so zum Glauben geführt wurden. -
Die Auferweckung des Lazarus
Als er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Der Heiland ruft mit lauter Stimme, der größeren Feierlichkeit halber und um die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf das, was er tut, mehr hinzulenken. - Lazarus, komm heraus! Das Wort bewirkt die Auferstehung. - Stufenreihe: Die Tochter des Jairus, der Jüngling von Naim, Lazarus! Der heil. Johannes will durch die ausführliche Darstellung dieses größten Wunders die Allmacht Jesu über allen Zweifel erheben. - Und sogleich kam der Verstorbene Sogleich: dies Wort fehlt im Griech. Kaum hört Lazarus die Stimme des Herrn, so kommt er hervor, lebend und völlig genesen. - heraus, gebunden mit Grabtüchern an Händen und Füßen, und sein Angesicht war mit einem Schweißtuche umwunden. Da sprach Jesus zu ihnen: Machet ihn los, Damit die Zeugen, die im Herzen nicht glauben wollten, ihren eigenen Augen glauben müssen, wälzen sie den Stein hinweg, sehen die Leiche und lösen selbst die Binden des Erstandenen. So sahen sie die Zeichen des Todes und zugleich die Bürgschaften des Lebens (Ambr.). - und lasset ihn fortgehen! Viele nun von den Juden, welche zu Maria und Martha gekommen waren, und gesehen hatten, was Jesus tat, glaubten an ihn. Der Glaube an den Herrn wächst. Das Wunder hat eine Entscheidung herbeigeführt. - Einige aber von ihnen gingen hin zu den Pharisäern, und sagten ihnen, was Jesus getan hatte. „Aber“ zeigt einen Gegensatz gegen die V. 45 Genannten an; der Umstand, dass die Kunde gerade den erklärten Feinden des Heilandes gebracht wird, deutet darauf hin, dass die Anzeigenden einen feindseligen Beweggrund haben oder zu mindesten, dass sie fürchten, durch Unterlassung der Anzeige als heimliche Anhänger Jesu bei ihren Oberen verdächtigt zu werden und dem Banne zu verfallen. Vergl. [Joh 9,22]. - Da versammelten die Hohenpriester und Pharisäer den hohen Rat, und sprachen: Was tun wir, Es ist ihnen zweifellos, dass sie gegen den Heiland vorzugehen haben, fraglich ist nur, welche Maßregel gegen ihn zu ergreifen ist. - da dieser Mensch viele Wunder tut? Nur widerwillig erkennen sie den Herrn solche Macht zu. Sie sagen nicht: Er scheint Wunder zu tun, sondern: er tut Wunder. Die Wunder lassen sich weder leugnen noch bezweifeln. - Wenn wir ihn so gehen lassen, Wenn wir ihn so fortwirken lassen, wenn wir seiner Wundertätigkeit nicht Einhalt tun. Sie befürchten, Christus werde vom Volke als Messias und König ausgerufen werden und dadurch die Römer zum Einschreiten veranlassen. Alsdann würden die Juden als Rebellen behandelt und dem hohen Rat seine Scheinmacht ganz genommen (Chrys., Cyr.). Hätte der Herr mit ihnen gehalten, ihr Entschluss wäre ein ganz anderer geworden. - werden alle an ihn glauben; und die Römer werden kommen, und unsere Stätte Sie werden uns Land und Hauptstadt und Volk wegnehmen. - und das Volk wegnehmen. Einer aber unter ihnen, Kaiphas mit Namen, Über Kaiphas siehe [Mt 26,5]. „In diesem Jahre“ besagt nicht, dass die Hohenpriester alle Jahre gewechselt wurden, sondern, dass dieses denkwürdige Jahr in die Amtszeit des Kaiphas fiel. - der in diesem Jahre Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisset nichts, Ihr wisst nicht, was euch, dem hohen Rate, in dieser Sache von Nutzen ist. Ihr eigenes Interesse ist die Ursache ihres Vorgehens. - und bedenket nicht, dass es besser für euch ist, Griech.: Uns. - dass ein Mensch für das Volk Zum Nutzen. - stirbt, und nicht das ganze Volk zu Grunde geht. Dies sagte er aber nicht aus sich selbst; Durch Gottes Fügung hatte er gerade diese Worte gewählt. - sondern, da er in diesem Jahre Hoherpriester war, weissagte er, Dieses, den Tod des Herrn. Der Gegensatz zu „aus sich selbst sagen“ ist das Weissagen, durch göttliche Anregung und Eingebung sprechen, Zukünftiges verkünden. Als zweiter Bileam [4Mos 23,24] spricht Kaiphas weissagend den ganzen Inhalt des göttlichen Ratschlusses der Erlösung der Welt aus, und somit über Jesus und das wahre Volk Gottes, denen er fluchen wollte, den Segen, über sich aber und die Seinigen, denen er Segen zuwenden wollte, den Fluch. Denn gerade das geschah, dem sie durch die Tötung des Herrn entgehen wollten. (V. 48) Die Worte des Hohenpriesters hatten nach seiner Absicht einen „fleischlich klugen“ Sinn: Jesus soll geopfert werden, damit die Pharisäer ihre politische Herrschaft über das Volk bewahren. In diesem feierlichen Augenblicke gibt Gott dem Hohenpriester vorübergehend die einst durch Urim und Thumim [2Mos 28,30] demselben eigene Gabe der Weissagung zurück, damit er als rechtmäßiger Vertreter des auserwählten Volkes die Bedeutung des Todes Jesu für das Volk verkünde. Da er aber den Heiland nicht als Messias der Juden erkannte oder nicht erkennen wollte, musste er nach göttlicher Fügung unbewusst und ohne seinen Willen seine Aufgabe erfüllen. - dass Jesus für das Volk sterben werde; und nicht allein für das Volk, Das auserwählte Volk. - sondern damit er auch die zerstreuten Kinder Gottes in Eins zusammenbrächte. Die Heiden werde vorwegnehmend Kinder Gottes genannt. Vergl. [Joh 10,16], zerstreute, weil sie noch ohne den einigenden Mittelpunkt sind. Vergl. [Eph 2,12]. In Zukunft sollen sie eines werden, denn sie werden durch Christus in eine Herde aufgenommen [Joh 10,16] und werden Glieder eines Leibes, dessen Haupt Christus ist. [Eph 2,16] Kaiphas hat die Wirkung des Todes des Herrn für das alttestamentliche Bundesvolk verkündet, der Evangelist weist auf den Umfang des Neuen Bundes hin. - Von diesem Tage an also beschlossen sie, Ein fester und förmlicher Beschluss. - ihn zu töten. Daher Infolge dieses Beschlusses, der bekannt wurde (Cyr.). Damit gab der Herr wie [Joh 10,40] den Gläubigen ein Beispiel, dass sie sich nicht ohne Not der Gefahr aussetzen sollen (Orig., Cyr.). - wandelte Jesus nicht mehr öffentlich unter den Juden, sondern ging hinweg in die Gegend nahe bei der Wüste, in eine Stadt, welche Ephrem heißt, Griech.: Ephraim, nahe bei der bis Jericho hinaufreichenden Wüste. - und weilte daselbst mit seinen Jüngern. Es war aber das Osterfest der Juden Es ist das vierte Osterfest seit dem Beginn der öffentlichen Tätigkeit des Herrn. Da [Joh 10,22] das Kirchweihfest erwähnt wird und [Joh 10,40] ein Aufenthalt im Ostjordanlande erwähnt wird, kam der Herr wohl erst im Januar oder Februar nach Ephraim. - nahe, und viele zogen aus derselben Gegend vor dem Osterfeste nach Jerusalem hinauf, um sich zu heiligen. Sie wollen sich von der gesetzlichen Unreinheit befreien, um das Osterfest feiern zu können. So müssen auch die Gläubigen die Fastenzeit benutzen und sich durch Fasten und gute Werke würdig machen, den Leib des Herrn zum heiligen Osterfeste zu empfangen (Thom.). - Diese suchten nun Jesus, Ähnlich wie [Joh 7,11]. Eine böse Absicht ist wohl ausgeschlossen, da es Bewohner von Judäa waren. - und sagten zueinander, im Tempel Im Vorhofe. stehend: Was dünket euch? Er kommt wohl nicht auf das Fest? Es hatten aber die Hohenpriester und Pharisäer Befehl gegeben, es sollte wer etwa wüsste, wo er sei, es anzeigen, damit sie ihn ergreifen könnten.

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